Die 2.000 Wohnungsgenossenschaften in Deutschland sind eine tragende Säule für bezahlbaren Wohnraum, nachhaltige Stadtentwicklung und soziale Integration. Rund fünf Millionen Menschen leben in einer von 2,2 Millionen Genossenschaftswohnungen zu einem Mietpreis, der deutlich unter dem bundesweiten Mietniveau liegt. Auch sind Wohnungsgenossenschaften neuen Lösungen gegenüber aufgeschlossen und gehen innerhalb der Branche häufig mit gutem Beispiel und hohen Investitionen voran. So auch die Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen, die mit dem Projekt Badwiesen 2030 die bislang größte serielle Sanierungsinvestition einer Genossenschaft in Deutschland umsetzt.
Das Projekt Badwiesen 2030 als Real-Labor
„Die Badwiesen sind unser Real-Labor für nachhaltiges und klimaneutrales urbanes Leben und Wohnen. Wir haben in dieses Bauvorhaben ziemlich alles gepackt, was zukunftsweisend ist“, erklärt Vorstand Bernd Weiler. Acht Mehrfamilienhäuser mit 192 Genossenschaftswohnungen werden in vier Bauabschnitten seriell saniert und modernisiert. Die 60 Jahre alten Gebäude erhalten eine vorgefertigte Holzrahmen-Gebäudehülle, die auf der Baustelle montiert wird. Nach Abschluss der Maßnahmen erreichen die Gebäude den Energieeffizienzstandard 55, der CO2-Ausstoß sinkt um 90 Prozent.
Claudius Pflug
Aufgrund von Grundrissänderungen und Komfortsteigerungsmaßnahmen erfolgt die Sanierung nicht im bewohnten Zustand. Die Wohnungen erhalten offene Wohn- und Essbereiche sowie Fußbodenheizungen. Die bisherigen Balkone werden geschlossen, was die Wohnfläche erweitert. Neue aufgeständerte Balkone entstehen ebenfalls im Laufe der Sanierung. Aufgrund ihres Vorzeigecharakters ist das Projekt ein Teil der Internationalen Bauausstellung 2027 in Stuttgart.
Nachverdichtung schafft 60 Prozent mehr Wohnraum
Durch Aufstockung entstehen 48 zusätzliche Wohnungen mit 3.500 Quadratmetern Wohnfläche. Fünf Neubauten in Holz-Hybrid-Bauweise ergänzen das Quartier. Insgesamt wächst der Wohnraum um 60 Prozent. Durch die Aufstockung der Bestandsgebäude entsteht bezahlbarer innerstädtischer Wohnraum. Zudem sind alle Wohnungen in den Neubauten barrierefrei. Eine ambulante Pflegestation ermöglicht älteren Menschen längeres selbstständiges Wohnen. Alternative Wohnformen und Gästeappartements ergänzen das Angebot. Gemeinschaftliche Innenhöfe, ein Quartiersbüro, ein Waschcafé und eine Fahrradstation fördern das Miteinander.
Energieautark leben dank Abwasserwärme und Photovoltaik
Der gesamte Energiebedarf wird ausschließlich aus regenerativen Quellen gedeckt. Eine Abwasserwärmepumpe nutzt die Wärme des benachbarten Klärwerks zum Heizen und Kühlen. „Unseres Wissens sind wir hier mit dem innovativen Abwasserwärmekonzept Vorreiter unter den deutschen Wohnungsgenossenschaften“, erläutert Stephan Schmitzer, Technischer Vorstand der Kreisbaugenossenschaft.
Die Kombination mit flächendeckenden Fußbodenheizungen ermöglicht Wärmepumpen-Jahresarbeitszahlen von über 5,0. Die Dachflächen werden zu 60 Prozent mit Photovoltaikanlagen belegt. Der Solarstrom versorgt die Wärmepumpe und die Gebäudetechnik, erzeugt Warmwasser und dient als Mieterstrom. Stromspeicher sichern die zeitversetzte Nutzung. Das Quartier ist damit bilanziell energieautark.
Energiesprong
Mobilitätskonzept fördert nachhaltige Nutzung
Die Aufenthaltsbereiche in der Wohnanlage werden hauptsächlich autofrei gestaltet. Dafür wird das Grundstück komplett durchgrünt und die vorhandenen Garagen abgebrochen. Neue Parkplätze entstehen in Tiefgaragen unter den Gebäuden. Die Mobilität im Quartier wird durch eine neue Tiefgarage, die die bisherigen Garagen und Stellplätze ersetzt, neu organisiert. Das Quartier setzt auf gemeinschaftlich genutzte Mobilitätsangebote: Neben klassischen Pkw-Stellplätzen gibt es ein Carsharing-Angebot, das den Bewohnerinnen und Bewohnern einen flexiblen Zugang zu Fahrzeugen ermöglicht. Zusätzlich stehen E-Bikes und E-Lastenräder zur gemeinschaftlichen Nutzung bereit.
Diese Maßnahmen reduzieren den individuellen Fahrzeugbedarf und fördern eine nachhaltige Mobilität im Quartier. Die Fahrradstation bietet sichere Abstellmöglichkeiten und unterstützt die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel. Durch die vollständige Durchgrünung der Flächen wird die Aufenthaltsqualität zusätzlich erhöht und das Quartier bleibt trotz Nachverdichtung offen und lebenswert.
Ausblick: Badwiesen 2030 setzt neue Maßstäbe für nachhaltige Quartiersentwicklung
Mit rund 100 Millionen Euro Investition realisiert die Kreisbaugenossenschaft die bislang größte serielle Sanierung einer Genossenschaft in Deutschland. Das Projekt verbindet traditionelle genossenschaftliche Prinzipien mit neuartiger, klimaneutraler Quartiersentwicklung und ist Teil der Internationalen Bauausstellung 2027 in Stuttgart.
Badwiesen 2030 zeigt, wie Bestandsquartiere energieeffizient, sozial und generationengerecht weiterentwickelt werden können. Die Kombination aus serieller Sanierung, Nachverdichtung, regenerativer Energieversorgung und nachhaltiger Mobilität dient als Vorbild für andere Wohnungsgenossenschaften und städtische Entwicklungsprojekte. Das Quartier wird damit zum Reallabor für zukunftsfähiges Wohnen und könnte Impulse für die Transformation weiterer Bestandsquartiere in Deutschland geben. Quelle: Energiesprong / vbw / IBA27 / ar