Springe zum Hauptinhalt Springe zum Hauptmenü Springe zur SiteSearch

Das Geheimnis der undankbaren Steine – ein Fall für ­Energieberater mit Außensicht

Hundertdreißig Jahre hatte die Nordfassade durchgehalten. Zwei Weltkriege, Smog, saurer Regen – kein Problem. Dann kam der Energieberater. Ein Gründerzeithaus, denkmalgeschützt, Vollziegel, sechs Wohneinheiten. Die Innendämmung mit 60 Millimeter Kalziumsilikatplatten wie aus dem Lehrbuch: kapillaraktiv, fachgerecht verklebt, Glaser‑Nachweis bestanden, hygrothermische Simulation unauffällig. Zwei Winter später rief der Eigentümer an. „Was haben Sie mit meiner schönen Fassade gemacht?“ Frostabplatzungen an der Nordseite, muschelförmig, regelmäßig. Der Berater fuhr hin, maß nach: Thermografie innen tadellos, Blower‑Door ohne Befund, Raumfeuchte normal. Er prüfte Verklebung, Schlagregenschutz, Sockelabdichtung. Nichts. Er rechnete Glaser erneut – bestanden. Er starrte auf die abplatzenden Ziegel und dann auf seine lückenlose Dokumentation. Beides konnte nicht gleichzeitig stimmen. Oder doch?

Rätselfrage:

Warum zeigt eine 130 Jahre schadensfreie Ziegelfassade plötzlich Frostschäden – obwohl die Innendämmung fachgerecht ausgeführt und alle Nachweise bestanden sind?

Auflösung des Falls aus GEB 02-2026

Der Planer hat die Wärmeverluste der neu installierten Zirkulations­leitung für das Trinkwarmwasser dramatisch unterschätzt. Er hat sich auf einen Standard-Softwarewert verlassen, ohne die realen Gegebenheiten des Bestandsgebäudes zu analysieren. Die 24/7 auftretenden Wärmeverluste der langen, durch kalte Schächte geführten Zirkulationsleitung wirken wie ein riesiger, unsichtbarer Heizkörper mit Dauerbetrieb. Da die Zirkulation dafür sorgen soll, dass an den Zapfstellen schnell Warmwasser zur Verfügung steht, bleiben die Wassertemperaturen in den Leitungen hoch. Im Sommer wird der gesamte solare Ertrag allein dafür verbraucht, diesen Dauerverlust auszugleichen. Für die eigentliche Warmwasserbereitung bleibt kaum etwas übrig. Um die Temperatur im Speicher (insbesondere für die Legionellen-Aufheizung auf über 60 °C) zu halten, muss der Gas-Brennwertkessel ununterbrochen nachheizen. Der Planer hat die Wärmeerzeugung perfektioniert, aber die Wärme­verteilung ignoriert.

Quellenbasis

DIN V 18599-8 definiert die Berechnung der Endenergie für Trink­warmwassersysteme, einschließlich der detaillierten Ermittlung von ­Verteil- und Zirkulationsverlusten.

DVGW Arbeitsblätter W 551 & W 553 legen die technischen Regeln für ­Trinkwassererwärmungs- und -leitungsanlagen fest, insbesondere zur ­Vermeidung von Legionellenwachstum, was zu hohen Speicher­temperaturen führt und damit das Problem verschärft.

Fachliteratur zur Anlagentechnik im Bestand betont, dass die Nach­rüstung einer zentralen Warmwasserbereitung mit Zirkulation in unsanierten Bestands­gebäuden zu den größten „versteckten“ Energiefressern gehört.