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Haus (fast) ohne Heizung

Gebäudetyp E – oder die Kunst des Weglassens

Die Wohnungswirtschaft steht unter Druck: Steigende Baukosten, hohe Zinsen und immer komplexere technische Anforderungen erschweren es, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wie man als Wohnungsbaugesellschaft mit solchen Herausforderungen strategisch überzeugend umgeht, zeigt ein Modellprojekt in Ingolstadt (Abb. 1). Das dreigeschossige Mehrfamilienhaus mit 15 öffentlich geförderten Wohnungen verzichtet bewusst auf überflüssige Technik und setzt stattdessen auf die Prinzipien des Gebäudetyp E. Ziel dieses Ansatzes ist es, durch Vereinfachung nachhaltigen und gleichzeitig kostengünstigen Wohnraum zu schaffen.

Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt (GWG) hat das Projekt zusammen mit dem Münchner Architekturbüro Neuburger, Bohnert und Müller (nbundm*) entwickelt. Unterstützt von dem Ziegelhersteller Leipfinger-Bader und dessen Produkten entstand ein Gebäude, das neue Maßstäbe setzt – nicht durch technische Überladung, sondern durch die Kunst des Weglassens.

Wände, die mehr als nur Statik können

Das Herzstück des energetischen Konzepts sind die Silvacor-Mauerziegel von Leipfinger-Bader, die gleich mehrere Funktionen übernehmen: Sie dämmen, speichern Wärme und sorgen für Schallschutz. Gefüllt mit sortenreinen Nadelholzfasern zeigen sie, wie natürliche Materialien eine vielfältige und hochwertige Bauleistung erbringen können.

Die massive Gebäudehülle erreicht bei einer Wanddicke von 49 Zentimetern einen U-Wert von 0,16 W/(m²K). Das bedeutet: Im Winter bleibt die Wärme drinnen, im Sommer die Hitze draußen. Gleichzeitig speichern die Ziegel thermische Energie, die im Alltag der Bewohner entsteht, und geben sie langsam wieder ab. Dadurch bleibt die Raumtemperatur stabil – ganz ohne zentrale Heiztechnik.

Auch der Schallschutz überzeugt. Mit einem Schalldämmmaß von bis zu 48 Dezibel versprechen die Ziegel Ruhe und Privatsphäre im Geschosswohnungsbau. Darüber hinaus fördern die natürlichen Materialien ein gesundes Raumklima und sie sind emissionsarm. Mit ihrer hohen Tragfähigkeit und der einfachen Verarbeitung unterstützen sie zudem eine effiziente Bauweise.

Effizient heizen – ohne komplexe Technik

Trotz der passiven Temperierung durch die massive Gebäudehülle mit einem halben Meter dicken Außenwänden braucht es an kalten Tagen eine zusätzliche Wärmequelle. Dafür setzt das Ingolstädter Modellprojekt auf eine ausgeklügelte Kombination aus Estrichziegeln und Heizpapier von Leipfinger-Bader. Die elektrisch leitfähige Heizschicht wird direkt unter den Estrichziegeln verlegt und hat eine Aufbauhöhe von weniger als einem Millimeter. Sie sorgt für eine schnelle und gleichmäßige Wärmeverteilung und ist perfekt auf die baulichen Anforderungen des Gebäudes abgestimmt.

Der Strom für die Flächenheizung stammt überwiegend von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Überschüssige Energie landet in Batteriespeichern, sodass das Heizsystem flexibel und ressourcenschonend betrieben werden kann. Durch die hohe Effizienz bleiben die Betriebskosten niedrig – ein zentraler Vorteil für die Wohnungswirtschaft.

Ein Gebäude, das sein Raumklima selbst reguliert

Die energetische Planung des Hauses folgt den Prinzipien des 2226-Modells von Baumschlager-Eberle. Dieses Konzept setzt auf minimale technische Ausstattung und maximale Materialeffizienz. Natürliche Lüftung, eine massive Speichermasse und eine sensorische Steuerung sorgen für stabile Raumtemperaturen bei minimalem Energieverbrauch.

Die Fenster sind mit Sensoren ausgestattet, die Temperatur und CO2-Werte überwachen. Sie öffnen und schließen sich automatisch, um für eine Frischluftzufuhr zu sorgen, ohne Energieverluste zu verursachen. Warmwasser wird dezentral über Durchlauferhitzer bereitgestellt. Auf eine Unterkellerung und Tiefgarage wurde verzichtet, um die Baukosten zu senken. Stattdessen gibt es oberirdische Stellplätze und eine extensive Dachbegrünung, die das Mikroklima verbessert und Lebensraum für Insekten schafft.

Auch einfaches Bauen bietet Wohnkomfort

Das Modellprojekt beweist, dass einfacher Wohnungsbau nicht auf Komfort verzichten muss. Barrierefreie Zugänge, bodengleiche Duschen und private Gartenflächen sorgen für eine hohe Lebensqualität. Flexible Grundrisse (Abb. 2) ermöglichen unterschiedliche Nutzungskonzepte: von Familienwohnungen bis hin zu Mehrgenerationenhaushalten. Gemeinschaftsbereiche fördern die soziale Durchmischung und machen das Gebäude nicht nur funktional, sondern auch lebenswert.

Eine Blaupause für nachhaltiges und bezahlbares Bauen

Das „Haus fast ohne Heizung“ ist mehr als nur ein Experiment, es ist eine Blaupause für den Wohnungsbau der Zukunft. Die Silvacor-Ziegel und das Lowtech-Heizkonzept zeigen, wie technische Systeme reduziert und gleichzeitig die Effizienz gesteigert werden können. Das Gebäudetyp-E-Konzept definiert neue Standards für nachhaltiges und bezahlbares Bauen – und liefert Antworten auf zentrale Herausforderungen der Wohnungswirtschaft.

Wirtschaftlichkeit, Klimaschutz und Wohnkomfort müssen demzufolge keine Gegensätze sein. Das Modellprojekt beweist, dass sie sich sogar gegenseitig verstärken können, wenn Materialien und Architektur intelligent eingesetzt werden. Die Erkenntnisse aus Ingolstadt könnten die Wohnungswirtschaft nachhaltig verändern – und zeigen, dass die Kunst des Weglassens auch eine Kunst des Gewinnens sein kann.

2 Die polygonale Gebäudeform sorgt für eine optimale Belichtung aller Räume. Massive Außenwände und kompakt gestaltete Wohnungen ermöglichen eine effiziente Raumnutzung und tragen zur passiven Temperierung bei.

Bild: nbundm* Architekten

2 Die polygonale Gebäudeform sorgt für eine optimale Belichtung aller Räume. Massive Außenwände und kompakt gestaltete Wohnungen ermöglichen eine effiziente Raumnutzung und tragen zur passiven Temperierung bei.
3 Die Räume des Wohnkomplexes werden überwiegend passiv temperiert. An kalten Tagen sorgen Heizpapier und Estrichziegel für eine flexible und wirtschaftliche Wärmeunterstützung.

Bild: Leipfinger-Bader / Sebastian Schels

3 Die Räume des Wohnkomplexes werden überwiegend passiv temperiert. An kalten Tagen sorgen Heizpapier und Estrichziegel für eine flexible und wirtschaftliche Wärmeunterstützung.

Bautafel

Bauvorhaben: Mehrfamilienhaus mit 15 öffentlich geförderten ­Mietwohnungen, Ingolstadt

Bauherr: Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt GmbH (GWG), Ingolstadt, www.gemeinnuetzige.de

Architekten: nbundm* neuburger, bohnert und müller Architekten BDA und Stadtplaner, Partnerschaft mbB, München, www.nbundm.de

Freiraumplanung: Paul Melia, Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt GmbH (GWG), Ingolstadt

Fachplanung Energie und Bauphysik: 2226 GmbH, Lustenau, Österreich

Ausführung: Bacher Hoch- und Tiefbau, Ingolstadt, www. bacher-ingolstadt.de

Förderung: Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, München

Wissenschaftliche Begleitung: Frau Professor Elisabeth Endres, Technische Universität Braunschweig, Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur, Braunschweig, www.tu-braunschweig.de/ibea

Mauerziegel/Estrichziegel/Heizpapier: Leipfinger-Bader, Landshut, ­www.leipfinger-bader.de

Bauzeit: 2024 bis Ende 2025