Jochen Mahrholdt / DEN
Das Deutsche Energieberater-Netzwerk sieht die Energieberatung in einer Sackgasse. Bei der Passivhaustagung in Essen diskutierten Hochschulen, Behörden und Praktiker über neue Wege in der Ausbildung.
Das Deutsche Energieberater-Netzwerk (DEN) will die Ausbildung von Energieberatern reformieren und stärker in die Hochschulen verlagern. Auf der 28. Passivhaustagung in Essen stellte das Netzwerk ein modulares Inhaltsmodell vor, das Hochschulen helfen soll, ihre Studiengänge systematisch auf die Anforderungen der Energieberatung auszurichten. Studierende könnten damit bereits während des Studiums 60 bis 80 % der späteren Qualifikation erwerben.
„Mit Energieeffizienz in die Transformation!“
Die Energiewende entscheidet sich nicht allein in Gesetzen, Förderrichtlinien oder politischen Zielmarken. Sie entscheidet sich auch dort, wo Konzepte geplant, Gebäude saniert und Maßnahmen umgesetzt werden. Und sie entscheidet sich schließlich an den Menschen, die zu Energieeffizienzmaßnahmen beraten, sie strukturieren und verantworten. Diese Themen standen auf dem Programm der 28. Passivhaustagung in Essen, veranstaltet vom Passivhaus Institut. Das Deutsche Energieberater-Netzwerk DEN e.V. unterstützte diese internationale Veranstaltung mit Teilnehmer:innen aus aller Welt.
„Mit Energieeffizienz in die Transformation!“ – so das Motto des zweitägigen Kongresses, in dessen Rahmen das Passivhaus Institut auch sein 30-jähriges Bestehen feierte. Internationale Gäste präsentierten erfolgreiche Passivhaus-Projekte, Wissenschaftler:innen stellten Forschungsergebnisse vor und Praktiker:innen berichteten über neue Erfahrungen und Ergebnisse ihrer Arbeit. Der Fokus lag in diesem Jahr auf Gebäudesanierungen im Bestand.
Auf deren Bedeutung wies Hermann Dannecker, Ehrenvorsitzender des Kooperationspartners DEN, in seinem Grußwort hin: „Als wirtschaftlich unabhängige Energieberaterinnen und Energieberater in ganz Deutschland setzen wir uns für eine zukunftsorientierte Gebäudepolitik ein. Dabei ist uns die gesamtheitliche Betrachtung der Gebäude und ihrer Technik wichtig. Doch die Beratung ist das eine, die Umsetzung das andere – deshalb arbeiten wir bereits seit Jahren mit dem Passivhaus Institut zusammen. Gemeinsam bilden wir Energieexpertinnen und -experten in der Planung und auch in der Umsetzung von Projekten weiter.“
Energieberaternachwuchs begeistern
Wie sieht das Berufsbild der Energieberatung in Zukunft aus? Diese im Eröffnungsplenum des zweitägigen Kongresses gestellte Frage erörterten Vertreter:innen des DEN und des Passivhaus Instituts näher in einem Workshop mit Hochschullehrern und Behördenvertretern.
„Viele Hochschulen lehren bereits Themen, welche für die Energieberatung und die praktische Umsetzung von Projekten wichtig sind“, so Hermann Dannecker in seinem Grußwort weiter. „Unser Ziel als Energieberater-Netzwerk ist es, junge Leute zu begeistern, Energieberaterin oder Energieberater zu werden. Wir wünschen uns dabei ein durchgängiges System von der Ausbildung nach der Schule über Gesellen- und Meisterbrief bis zum Techniker- und Ingenieur-Examen. Ich denke, wir sollten hier gemeinsam die gleiche Sprache sprechen. Nur so kommen wir weiter.“
Überregulierung und starre Regeln
Es zeigte sich in der Analyse und der Diskussion, dass die Herausforderungen weniger in technischen Details liegen, sondern eher in der grundsätzlichen Frage, wie das Berufsbild der Energieberatung in Zukunft aussieht:
Einerseits ist der Bedarf an qualifizierter Energieberatung größer denn je: Klimaziele, Sanierungspflichten, Förderprogramme und steigende Energiekosten verlangen nach unabhängigen Fachleuten.
Andererseits ist der Weg in den Beruf wenig geordnet: Energieberater:innen kommen aus sehr unterschiedlichen Richtungen – Handwerk, Architektur, Bauingenieurwesen, Maschinenbau, Technikerschulen – häufig ergänzt durch zeitintensive Weiterbildungen.
Zentraler Bezugspunkt ist in jedem Fall die dena‑Expertenliste, deren Anforderungen darüber entscheiden, wer förderrelevante Beratungen anbieten darf. Genau hier setzt die Kritik an. Viele der Beteiligten in Essen sehen in der derzeitigen Ausgestaltung weniger ein konsistentes Berufsbild als vielmehr eine formale Prüfung von Regelwerkskenntnissen, deren Umfang stetig wächst – bei gleichzeitig unklarer Aussage über tatsächliche Beratungskompetenz.
„Die Kunst besteht darin, trotz der vielen Vorschriften gute Lösungen zu finden“, so formulierte es Stefanie Koepsell, Vorstandssprecherin des Deutschen Energieberater-Netzwerks. Qualität entstehe nicht durch das Abhaken von Normen, sondern durch Systemverständnis, Praxiswissen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte verständlich zu kommunizieren.
Modulares Modell für Hochschulen entwickelt
Vor diesem Hintergrund rücken die Hochschulen ins Zentrum der Debatte. Denn vielerorts wird das, was Energieberater:innen können müssen, längst gelehrt – nur nicht unter diesem Namen. Bauphysik, Thermodynamik, Gebäudetechnik, Energiewirtschaft, Nachhaltigkeit oder Projektmanagement sind feste Bestandteile zahlreicher Studiengänge.
Das Problem: Diese Inhalte sind zersplittert, unterschiedlich tief ausgeprägt und selten auf ein gemeinsames Ziel hin ausgerichtet. Zum Beruf „Energieberater:in“ gelangen viele damit oft erst nach ihrem Abschluss – über Zusatzkurse, private Akademien oder individuelle Umwege.
Auf der Passivhaustagung stellte Dr. Florian Wiegandt, wissenschaftlicher Mitarbeiter des DEN, deshalb ein vom Netzwerk entwickeltes modulares Inhaltsmodell vor, das die Anforderungen an eine hochwertige Energieberatung thematisch bündelt und den Hochschulen ein Instrument an die Hand gibt, ihre Curricula systematisch abzugleichen: Was wird bereits vermittelt? Was fehlt? Was kann sinnvoll ergänzt werden? Diese Matrix soll nicht normieren, sondern sichtbar machen. „Nicht die Hochschule muss sich dem Regelwerk unterordnen, sondern wir alle müssen zuerst verstehen, was die Hochschule leistet“, so Wiegandt.
Kooperieren statt vereinheitlichen
Deutlich wurde, dass es keine Standardlösung geben kann, da die Profile der Hochschulen zu unterschiedlich sind. Architekturfakultäten setzen andere Schwerpunkte als Maschinenbau‑ oder Energietechnikstudiengänge. Duale Hochschulen stehen vor anderen Rahmenbedingungen als klassische Universitäten.
So zeichnete sich in der Diskussion ein Kooperationsmodell ab: Hochschulen decken große Teile der fachlichen Grundlagen bereits im Studium ab. Fehlende oder hochspezialisierte Inhalte – etwa Software‑Anwendung, Förderlogik oder bestimmte Nachweisverfahren – können über ergänzende Module, Zertifikate oder Kooperationen mit Akademien wie dem DEN oder dem Passivhaus-Institut vermittelt werden.
Für Studierende bedeutet dies: Wer sich früh für den Weg in die Energieberatung entscheidet, könnte bereits während des Studiums 60 bis 80 % der späteren Qualifikation erwerben – und damit Zeit und Kosten vermeiden.
Weg mit der Überregulierung
Deutlich wurde in Essen auch die Unzufriedenheit mit einem System, das Komplexität eher reproduziert als reduziert. Immer wieder fiel der Vorwurf der „Überregulierung“. Viele Anforderungen seien historisch gewachsen, nicht didaktisch begründet und nur bedingt praxisrelevant.
Demgegenüber stand der Wunsch nach einem kompetenzorientierten Berufsverständnis: Was müssen Energieberater:innen tatsächlich können? Einige Beteiligte formulierten offen, dass die Diskussion um das Berufsbild auch eine politische Aufgabe sei: Wenn Hochschulen nachweislich qualitativ hochwertig ausbilden, müsse das System der Anerkennung darauf reagieren.
Berufsbild für die Energiewende
Ein weiteres zentrales Thema war die Attraktivität des Berufs für junge Menschen. Wie lassen sich komplexe Inhalte greifbar machen? Wie holt man Studierende früh ab und begeistert sie für die Energieberatung?
Spektakuläre Aktionen wie die „Icebox Challenge“ des Passivhaus Instituts, welche die Vorteile energieeffizienter Bauten sinnfällig verdeutlicht, oder „Summer Schools“, praxisnahe Projekte und internationale Netzwerkformate – all dies wurde in Essen nicht als Blaupause, sondern als Inspiration angesprochen.
Am Ende des Workshops stand kein neues Regelwerk und kein abschließender Beschluss. Dafür jedoch ein gemeinsames Verständnis, dass die Qualität der Energieberatung langfristig nur dann gesichert werden kann, wenn Ausbildung, Hochschule und Praxis stärker zusammenarbeiten. Die Passivhaustagung in Essen markiert insofern einen Startpunkt für weitere Treffen, unter anderem im Herbst in Kassel beim DEN-GRE-Kongress, die den eingeschlagenen Weg vertiefen helfen.
„Die Energiewende braucht nicht nur Technik. Sie braucht Menschen, die sie kompetent, verständlich und verantwortungsvoll begleiten. Und dafür braucht es ein Berufsbild, das diesen Anspruch erfüllt", so Dannecker. ■
Quelle: DEN / ml