Eine stark unterschätzte Technologie, obwohl sie technisch ausgereift, effizient und vielseitig einsetzbar ist – so sieht Torsten Lütten, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS), die Solarthermie. Während die Technologie in den 1990er-Jahren vielen Menschen ein Begriff gewesen sei, habe sie heute gegenüber der Photovoltaik deutlich an Aufmerksamkeit verloren. Dabei könne sie auf derselben Dachfläche etwa die drei- bis vierfache Energiemenge in Form von Wärme erzeugen wie Photovoltaik in Form von Strom.
Der zentrale Vorteil der Solarthermie liege darin, Wärme direkt bereit zu stellen. Da mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland auf Wärme entfalle, sei dies ein wichtiger Beitrag zur Energiewende, so Lütten. Besonders geeignet ist Solarthermie für die Warmwasserbereitung und zur Unterstützung der Heizung. Typische Brauchwasseranlagen können laut Lütten etwa 15 bis 20 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs eines Einfamilienhauses decken, der ja im Sommer nur bei der Warmwasserbereistellung anfällt. Größere Anlagen mit Pufferspeichern, die zusätzlich die Heizung unterstützen, könnten Einsparungen von 30 bis 40 Prozent oder mehr erreichen.
Solarthermie funktioniert auch mit Wärmepumpe
Solarthermie wird fast immer als ergänzende Technologie eingesetzt. Deshalb wird sie laut Lütten häufig mit Wärmepumpen, Biomasse, Gas- oder Ölheizungen kombiniert. Der DGS-Experte hebt hervor, dass bestehende Solarthermieanlagen keineswegs entfernt werden müssten, wenn beispielsweise eine Wärmepumpe eingebaut wird. Im Gegenteil: Die Systeme seien kompatibel und könnten sinnvoll weitergenutzt werden. Viele Anlagen seien über 20 Jahre alt und arbeiteten noch immer zuverlässig ohne nennenswerten Leistungsverlust.
Die Verbreitung der Technologie stagniert jedoch seit einigen Jahren. Laut Lütten spielen dabei psychologische und wirtschaftliche Faktoren eine große Rolle. Photovoltaik sei für viele Menschen attraktiver, weil sich damit Strom einspeisen und Geld verdienen lasse, während Solarthermie „nur“ Kosten spare. Auch Handwerksbetriebe würden oft lieber Photovoltaikanlagen installieren, da diese schneller montiert seien und wirtschaftlich attraktiver sein könnten. Dadurch werde Solarthermie seltener aktiv empfohlen.
Privat
Skeptisch sieht er mögliche Impulse durch das kommende Gebäudemodernisierungsgesetz. Zwar wird die Solarthermie im Gesetzentwurf als Erfüllungsoption für die Pflicht zur Nutzung erneuerbarer Brennstoffe genannt. Doch er geht davon aus, dass der erwartete Schub für die Technologie ausbleibe. Denn: Lütten bezweifelt, dass das Gesetz in dieser Form umgesetzt wird. „Ich glaube nicht, dass wir das so sehen werden“, sagt Lütten. Die verfassungsrechtlichen und volkswirtschaftlichen Einwände seien bereits jetzt schon zu stark.
Große Erwartungen hat Lütten dagegen an den Einsatz von solarthermischen Großanlagen für Fernwärme und Industrie. In den vergangenen Jahren seien bereits zahlreiche Anlagen im Megawattbereich entstanden. Stadtwerke und Kommunen prüften Solarthermie inzwischen verstärkt als Bestandteil ihrer Wärmeplanung. Auch in der Industrie gebe es Potenzial - etwa für Prozesswärme mit hohen Temperaturen. Mithilfe von Spiegeltechnik könnten Temperaturen von mehreren hundert Grad erreicht werden. Lütten sieht darin für die Zukunft ein wichtiges Betätigungsfeld.
Zum Abschluss betont Lütten, dass die Energiewende nur mit einem Mix verschiedener Technologien gelingen könne. Solarthermie werde dabei nicht die alleinige Lösung sein, aber sie könne einen wichtigen Beitrag leisten. ms
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