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Mehr Klimaschützer als gedacht

Lang ist’s her, da hatte der Wetterbericht etwas Beruhigendes, Sinnbild eines wohligen Gleichklangs des Lebens. Inzwischen jedoch kann einem mulmig werden, wenn es heißt: „Die weiteren Aussichten … “. Wie warm wird es morgen, in den nächsten Tagen? In der Hitzeperiode Ende Juni wurden Temperaturen von mancherorts über 40 Grad gemessen. Sie brachten viele ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen an die Grenzen der Belastbarkeit – und für etliche war der Hitzestress zu viel. Die Jahresmitte ist gerade erreicht, da muss das Robert-Koch-Institut bereits eine erschütternde Zwischenbilanz ziehen: Von bislang 5.100 Hitzetoten ist auszugehen, wovon die weitaus meisten auf die letzte Juniwoche entfielen.

Unsere Wohnungen sind auf den Klimawandel nicht eingestellt. Auch wenn wir den Schwerpunkt in dieser Ausgabe – sommerlicher Wärmeschutz – mit der Vorstellung eines klimaresilienten Wohnhauses in München eröffnen können – unterm Strich herrscht dringender Handlungsbedarf. Gesetze, Richtlinien und Verordnungen hinken der Entwicklung hinterher. Aus der europäische Gebäuderichtlinie wurde 2024 auf Betreiben Berlins die Sanierungspflicht für Ein- und Mehrfamilienhäuser gestrichen. Das Gebäudemodernisierungsgesetz mit seinem Bio-Treppenwitz blockiert eine sozial gerechte Wärmewende. Wer zur Miete wohnt, muss ungefragt die Folgen falscher Entscheidungen seiner Vermieter ertragen: steigende Heizkosten und bei mangelnder Dämmung ein Innenraumklima, das nicht nur unbehaglich, sondern lebensgefährlich sein kann.

Was Klimaleugner nicht daran hindert, die Opfer in den sozialen Netzwerken zu verhöhnen und die heiße Jahreszeit zu feiern. Die AfD fordert Klimaanlagen für alle, die en masse aber die Städte weiter aufheizen würden. Einer ihrer Landtagsabgeordneten in Baden-Württemberg provoziert derweil auf X mit „vermeintliche(n) Hitzetote(n)“. Doch diese Radikalen sind nur eine kleine, lautstarke Minderheit. Darauf weist das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt hin.

Der fehlende Mut der Politik zu wirksamen Maßnahmen könnte mit ihrer Fehleinschätzung der öffentlichen Meinung zusammenhängen. Das legt eine Studie von Forschern der Ruhr-Universität Bochum und der Leuphana Universität Lüneburg nahe. Sie wollten von fast 1.600 Politikern wissen, wie sie die Bereitschaft der Bevölkerung einschätzen, ein (!) Prozent ihres Monatseinkommens für den Klimaschutz zu spenden sowie zusätzliche Steuern und härtere Gesetze in Kauf zu nehmen. Parallel wurde die Bereitschaft eben dazu bei rund 2.000 Bürgern abgefragt. Ergebnis: Die Amtsträger lagen mit ihren Mutmaßungen weit daneben. Auch die befragten Bürger selbst unterschätzen die Unterstützung von Klimaschutzmaßnahmen durch ihre Mitbürger, kamen aber der Realität deutlich näher.

Als beispielhaft für diese politische Zurückhaltung aus Unsicherheit können die Stimmen von CDU-Kommunalpolitikerin Gudrun Heute-Bluhm und Reiner Haseloff gelten, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. In einer Diskussionsrunde im Deutschlandfunk kurz nach der Hitzewelle im Juni warnten beide davor, die Bürger mit Klimaschutz zu überfordern. Beide kann man wohl beruhigen: Ein großer Teil der Menschen zwischen Flensburg und Konstanz hat verstanden, was die Stunde geschlagen hat und was jetzt Not tut. Man muss diesem Teil der Gesellschaft und der Politik nur regelmäßig sagen, dass er keine Minderheit ist.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

GEB-Redakteur Alexander Borchert

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