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Eisberg voraus!

Nur zwei Stunden und vierzig Minuten hat es gedauert, bis die als unsinkbar geltende Titanic in der Nacht zum 15. April 1912 nach der Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik unterging. Mehr als 2.200 Menschen waren an Bord, rund 1.500 starben. Nicht die Technik war schuld, sondern die Selbstgewissheit, mit der man glaubte, Technik mache Naturgewalten berechenbar. Der Eisberg war da. Warnungen gab es auch. Nur wollte offenbar niemand so recht hinsehen. Kennt man ja.

Im Juli und August bin ich mit der kleinen Motoryacht Luna-Louise 500 Kilometer auf dem Niederrhein sowie auf der Maas, der Waal und dem Wilhelminakanaal gefahren. Vierzehn Tage Urlaub mit Schleusen, Häfen und Berufsschifffahrt. Immer wieder war das Niedrigwasser Thema: beim Planen der Route und Checken der Pegelstände, beim Warten vor Schleusen und im Gespräch mit Berufsschiffern.

Wer auf dem Wasser unterwegs ist, weiß: Ein Fluss ist keine Transportinfrastruktur, in der zufällig immer genug Wasser für die Schifffahrt fließt. Er ist Lebensraum, Urlaubskulisse, Verkehrsweg und Wirtschaftsfaktor zugleich. An Rhein, Donau und Elbe hängen Industrie, Häfen, Speditionen und Energieversorgung. Aber eben auch Ausflugsreedereien, Binnenschiffer, Gastronomie, Handel und ganze Tourismusregionen. Wenn Frachter nur noch halb beladen fahren, steigen die Transportkosten – und folglich die Preise für Waren und Rohstoffe. Wenn Passagier- und Hotelschiffe nicht mehr ablegen können, fehlen Gäste und der Crew die Heuer. Und wenn flirrende Hitze Städte und Wanderwege leer fegt, bleibt von der viel beschworenen Aufenthaltsqualität oft nur noch das Freibad übrig – sofern dort das Wasser nicht bereits Badewannentemperatur erreicht hat.

Die politische Antwort auf diese Folgen des Klimawandels ist … unerquicklich. Wem nichts anderes einfällt, als das Lkw-Sonntagsfahrverbot zu lockern und Fahrrinnen in Flüssen auszubaggern, bestellt zwar Rettungsboote, veranlasst aber keinen Kurswechsel. Bis zu 150 Lastwagen sind vonnöten, um ein voll beladenes Motorgüterschiff zu ersetzen. So wird aus dem eigentlich effizienten Wasserweg plötzlich eine Logistikkette aus zusätzlichen Lkw, mehr Stau, höheren Kosten und noch mehr Emissionen.

Was und wie wir diesen Sommer erleben, ist keine jahreszeitliche Unpässlichkeit. Wir bekommen nun die überdeutlichen Folgen eines Klimawandels zu spüren, dessen Dimension viele noch immer nicht begreifen wollen: ausgedörrte Böden, brennende Wälder, sinkende Pegel, versiegende Brunnen, überhitzte Wohnungen und Städte. Der Deutsche Wetterdienst spricht für Teile Deutschlands von gravierender Bodentrockenheit und zieht bereits Parallelen zu den Dürrejahren 2018 und 2022.

Und was tun wir? Klimageräte an Fassaden schrauben, Hitzewarnungen rausgeben, mehr Lkw auf die Straße schicken, Fahrrinnen ausbaggern. Sicher ist das ein kurzfristiger Notnagel im Einzelfall, aber kein Schritt hin zur Klimaresilienz. Hierfür braucht es Bäume und Schatten, entsiegelte Höfe, begrünte Dächer und Fassaden, Wasser in der Stadt und im Boden – und Gebäude, die Hitze nicht erst technisch bekämpfen, wenn sie längst im Wohnzimmer steht.

Was bitte ist wirtschaftsfreundlich daran, den Fokus auf Lieferketten und Konjunktur zu richten, die Folgekosten von Hitze, Wassermangel, Waldbränden, Produktionsausfällen und Gesundheitsschäden aber auf später zu verschieben? Klimaneutralität steht nun zwar im Gesetz, aber der Kurs dorthin bleibt nebulös. Der Eisberg ist nicht unsichtbar. Wir kennen die Karten, die Pegel, die Warnungen und die Rechnung. Höchste Zeit, das Steuer herumzureißen.

Ahoi und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel beim Schippern durch diesen GEB wünscht Ihnen

GEB-Redakteurin Claudia Siegele