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Das nächste Level der seriellen Sanierung

 

Das erste seriell sanierte Bestandsgebäude in Deutschland, das den Effizienzhausstandard 40 EE erreicht hat und als Passivhaus plus zertifiziert wurde, steht in Köln-Zollstock. Das vom Architekturbüro teamtektura geplante und von Korona Holzbau ausgeführte Mehrfamilienhaus mit seiner prägnanten rötlichen Fassade aus Alurauten war Teil der ARTE-Dokumentation „Gute Nachrichten vom Planeten“ und hat den Heinze Architektur-Award gewonnen. Auftraggeber war die Kölner Wohnungsgenossenschaft am Vorgebirgspark (WGaV) eG., deren Pilotprojekt noch vor dem eigentlichen Baustart von der Landesregierung als KlimaQuartier NRW ausgezeichnet worden war. Nicht nur der hohe energetische Standard und das energetische Konzept mit Photovoltaikanlage, Wärmepumpen und Mieterstrommodell hatten die Jury beeindruckt – auch der Fokus auf ökologische Baustoffe und die kreislaufgerechte Planung fielen anerkennend ins Gewicht. Die in Holzrahmenbauweise vorgefertigten Fassadenelemente sind mit Zellulose gedämmt und so konstruiert, dass sie sich am Ende des Lebenszyklus sauber trennen lassen.

Seriell ist wirtschaftlicher als konventionell

Um die ökologisch, ökonomisch und technisch beste Lösung für das aus drei Mehrfamilienhäusern bestehende Gebäudeensemble mit 30 Mietparteien zu finden, wurden im Rahmen einer Machbarkeitsstudie verschiedene Optionen durchgespielt. Im Vergleich zu einer konventionellen energetischen Modernisierung erwies sich die serielle Sanierung als wirtschaftlich attraktivere Lösung: Hier sind bis zu 40 Prozent der Kosten über die KfW förderfähig. Demgegenüber steht eine 25-prozentige KfW-Förderung für die konventionelle Alternative. Im Variantenvergleich baulicher und technischer Detaillösungen zeigte sich, dass der Erhalt des alten Sparklinkers rund 100.000 Euro kostengünstiger ist. Ebenfalls erhalten bleiben die Bestandsloggien, die in die thermische Hülle integriert und um Falt-Schiebefenster ergänzt wurden. An Ort und Stelle verblieben auch die Heizkörper und das vorhandene, wartungsarme Lüftungskonzept im Treppenhaus. Zu dessen Optimierung wurden moderne Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung auf jeder Etage installiert, die den Heizenergieverbrauch um bis zu 61 Prozent reduzieren.

The Flag in Köln-Nippes ist ein wegweisendes Beispiel dafür, wie Bestandsgebäude mit klugen Konzepten transformiert werden können.

Claudius Pflug, Berlin

The Flag in Köln-Nippes ist ein wegweisendes Beispiel dafür, wie Bestandsgebäude mit klugen Konzepten transformiert werden können.

Anstatt die Fassadenelemente aus kleinteiligen Aluminiumrauten auf der Baustelle zeitintensiv zusammenzupuzzeln, wurden die Fassadenelemente komplett im Werk von Korona Holzbau vorgefertigt. Zudem beschleunigte und vereinfachte die vertikale Positionierung der Montagehölzer die Montage. Die serielle Sanierung war binnen fünf Monaten abgeschlossen.

Köln-Nippes: Umnutzung entspannt den Wohnungsmarkt

In Deutschland fehlen rund 800.000 Wohnungen, andererseits sind derzeit 7,6 Millionen Quadratmeter Büroflächen ungenutzt. Wie man den Mangel und das Überangebot ins Gleichgewicht bringen kann, zeigen The Flag, Florack, Plansite und Brüninghoff in Köln-Nippes. In der Neusser Straße 159 verwandelt sich ein ehemaliges Verwaltungsgebäude der General-Zolldirektion mithilfe serieller Sanierung und Aufstockung in 137 Apartments für Studierende und Young Professionals. Aus den jahrelang leerstehenden Büroflächen entsteht auf diese Weise dringend benötigter Wohnraum in bester Innenstadtlage.

Studierende trifft der der Mangel an bezahlbarem Wohnraum besonders hart: Nur 10 Prozent der 2,9 Millionen Studentinnen und Studenten finden einen Platz in einem Studentenwohnheim. Der Rest muss versuchen, am freien Markt eine kleine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu finden. Doch die sind rar und werden immer teurer. Mietpreise von bis zu 30 Euro pro Quadratmeter sind in Universitätsstädten keine Seltenheit. Vor diesem Hintergrund sorgen die 137 in Köln-Nippes entstehenden Studenten-Apartments spürbar für Entlastung auf dem angespannten Kölner Wohnungsmarkt.

Dazu wird der in den 80er-Jahren errichtete Stahlbetonskelettbau kernsaniert und die Tragkonstruktion für die geplante Umnutzung verstärkt. Die Weiternutzung der Tragstruktur spart CO2 und Ressourcen. Die serielle Sanierung mit vorgefertigten Fassadenelementen spart außerdem Zeit. Die Holzrahmenbauelemente werden inklusive Fenster, Dämmung und Fassadenbekleidung vorproduziert und „just in time“ zur Baustelle geliefert. Ein durchdachtes Montagekonzept mit Unterstützung eines Krans sowie einer speziellen Traverse zur millimetergenauen Positionierung der Bauteile ermöglichen auch in dicht bebauten Innenstadtlagen einen effizienten Bauablauf.

Politik fördert Umwandlung von Gewerbe zu Wohnraum

Laut Wohnungsmarktexperten könnten allein in Köln 13.000 Wohnungen durch Umnutzungen geschaffen werden – bundesweit liegen die Schätzungen bei bis zu zwei Millionen. Bislang wagen sich allerdings nur wenige Investoren an die Transformation von Gewerbeflächen. Denn die rechtlichen und baulichen Hürden sind hoch. So ist die Wohnnutzung in vielen Gewerbe- und Industriegebieten nicht zulässig. Und selbst wenn eine Wohnnutzung erlaubt wird, ist eine Umwandlung in den meisten Fällen genehmigungspflichtig und erfordert einen Bauantrag. Erschwerend kommt hinzu, dass für Wohnräume deutlich strengere Brandschutz- und Schallschutzauflagen gelten. Zudem gibt es in Bezug auf Grundriss und Ausstattung deutliche Unterschiede, die kostenintensive Umbauten nötig machen.

Auch die Politik hat das Potenzial von Umwandlungen erkannt. Mit einer Förderung über zinsverbilligte Darlehen an Eigentümer geeigneter Gewerbeimmobilien und anderer Nichtwohngebäude will die Bundesregierung einen Impuls für eine nachhaltige Umbaukultur setzen. 360 Millionen Euro sind im Bundeshaushalt 2026 für das Programm „Gewerbe zu Wohnen“ eingeplant.

Köln-Kalk: Innovationen senken die Kosten

Vonovia zählt zu den Vorreitern der seriellen Sanierung – für den größten deutschen Wohnungskonzern stellt die sogenannte All-in-one-Fassade den größten Hebel für Kostensenkungen dar. Ziel ist es, neben der Dämmung sowie den Fenstern und Türen möglichst viel Gebäudetechnik in die Fassaden zu integrieren. So sollen die Kosten auf deutlich unter 1000 Euro/m2 Wohnfläche gesenkt werden. Für Maximilian Burkert, Teamleiter Technisches Engineering bei Vonovia, greift der Kostenvergleich zwischen konventioneller und serieller Sanierung zu kurz: „Die Mehrwerte der seriellen Sanierung wie die erheblich kürzere Bauzeit, die Verlängerung des Lebenszyklus und die deutlich höhere Qualität sind in keinem Investitionsrechner einkalkuliert.“

Bei der seriellen Sanierung des Mehrfamilienhauses in Köln-Kalk werden die Wohnungen direktelektrisch mit Fensterheizungen beheizt.

energiesprong, Ariane Steffen

Bei der seriellen Sanierung des Mehrfamilienhauses in Köln-Kalk werden die Wohnungen direktelektrisch mit Fensterheizungen beheizt.

Fensterheizung statt Wärmepumpe – eine effiziente Lösung?

Bei dem Projekt in Köln-Kalk wurde die klassische Heizung durch eine Fensterheizung ersetzt. Der dreifache Isolierglasaufbau wird hierzu mit einer nanobeschichteten Metalloxidschicht versehen, die über eine Verkabelung in der Fassade mit Strom versorgt wird. Die innere Glasscheibe wird so bis auf 50 °C erwärmt und gibt ihre Strahlungswärme mit einem Wirkungsgrad von 95 Prozent in den Raum ab. Zwei zusätzliche Funktionsschichten isolieren die Scheibe und sollen dafür sorgen, dass kaum Energie nach außen verloren geht. Wie sinnvoll es aus bauphysikalischer, energetischer und ökologischer Sicht tatsächlich ist, an der dünnsten Stelle der Außenhaut eine Stromdirektheizung anzubringen und damit eine vorhandene, herkömmliche Heizung zu ersetzen, ist eine andere Frage. Zwar ist eine Fensterheizung deutlich günstiger als eine Wärmepumpe (die Umlagekosten liegen mit 0,37 Euro pro Quadratmeter rund zwei Drittel unter denen einer Wärmepumpe mit 1,01 Euro pro Quadratmeter), jedoch rächen sich die geringeren Anschaffungskosten dann im Betrieb bei den abzurechnenden Verbrauchskosten – selbst wenn der Strom über eine PV-Anlage auf dem Dach gewonnen wird. Ohne Stromspeicher, der über die dunklen Wintermonate hilft, rattert der Stromzähler deutlich schneller als bei einem Wärmepumpenkonzept. Auf den Punkt gebracht: Vonovia spart, der Mieter zahlt. Inwieweit man mit einer Stromdirekt-Fensterheizung dem Ziel einer möglichst warmmietenneutralen Sanierung tatsächlich ein Stück weit näherkommt, ist umstritten.

Überregulierung versus Technologieoffenheit – und der Mieterschutz?

Aus gutem Grund verhindert das Gebäudeenergiegesetz bislang (noch) die Installation von Fensterheizungen auf breiter Ebene. In der Sanierung sind direktelektrische Heizsysteme nur für bestehende Systeme wie zum Beispiel Nachtspeicheröfen zulässig. Investoren beklagen, dass sie aktuell nur in einem Nischensegment verbaut werden dürfen, was technisch und wirtschaftlich sinnvollere Alternative verhindere. Der Einbau der deutlich teureren Wärmepumpenlösungen hingegen bedeute in der Konsequenz hohe Umlagen für die Mieterschaft und verhindere sozialverträgliche Sanierungen auf breiter Ebene. Wie sozialverträglich die Energiekosten einer Stromdirekt-Fensterheizung für Mieter sind, ist eine andere Frage. Quelle: energiesprong.de / si