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Effizienzhaus 55: So gelang die energetische Sanierung eines Mehrfamilienhauses

Das 75 Jahre alte, sanierte Objekt in Mosbach ist ein typisches Beispiel, welche Herausforderungen und Chancen die energetische Modernisierung mit sich bringt. Die Bausubstanz des 1950 errichteten Drei-Familien-Hauses besteht aus Betonfundamenten, Hohlblocksteinmauerwerk und Holzbalkendecken mit erhaltenen Dielenböden.

Erste energetische Maßnahmen wurden in den 1970er Jahren durchgeführt: Die Fenster wurden gegen Isolierverglasung ausgetauscht und ein vier Zentimeter starken Wärmedämm-Verbundsystems (WDVS) mit EPS-Dämmung auf der Wetterseite und Veranda, damals primär als Witterungsschutz, angebracht.

Diese Maßnahmen gehörten zur Sanierungsstrategie

Das historische Wohngebäude gehört heute den Enkeln des Bauherrn: Ralf Pasker und seiner Schwester Carmen Weghaus. Pasker vertritt als Geschäftsführer der European Association for ETICS (EAE) die Wärmdämmbranche in Brüssel bei der Europäischen Union. Die Planung und die Umsetzung erfolgten in enger Zusammenarbeit mit Hermann Dannecker, Architekt, Energieberater und Ehrenvorsitzender des Deutschen Energieberater-Netzwerks (DEN). Der Auslöser für die Sanierung war ein Sturmschaden am Dach. Pasker entschied sich, die Gelegenheit für eine umfassende energetische Modernisierung zu nutzen.

Im gesamten Gebäude wurden neue Fenster, neue Flächenheizkörper und Lüftungsanlagen eingebaut.

Pasker / Mahrholdt

Im gesamten Gebäude wurden neue Fenster, neue Flächenheizkörper und Lüftungsanlagen eingebaut.

Die Maßnahmen umfassten:

– Rückbau und Recycling des alten WDVS mit EPS-Dämmung mithilfe eines mobilen Schredders

– Neue Dacheindeckung mit leistungsfähiger Polyurethan-Aufsparrendämmung und Holzweichfaser-Dämmung an den Gauben

– Fassadendämmung mit 24 Zentimeter starken Polystyrol-Dämmplatten und Mineralwolle-Brandriegeln

– EPS-Kellerdeckendämmung

– Austausch aller 30 Fenster durch Modelle mit Dreifachverglasung

– Austausch Haus-/Wohnungstüren mit optimierter Dämmung und Einbruchschutz

– Grundlegende Sanierung der Bäder in allen drei Wohneinheiten

– Ersatz der alten Ölheizung durch eine Wärmepumpe mit 12 Kilowatt Leistung

– Ausbau des Öltanks und Einrichtung eines zusätzlichen Kellerraums

– Installation von Flachheizkörpern und dezentralen Lüftungsanlagen in allen Räumen

– Installation einer PV-Anlage auf der Süd-Ost-Seite des Daches

– Grundlegende Überarbeitung der elektrischen Installationen

Energieberater Dannecker erklärt: „Der Einsatz einer Wärmepumpe erfordert natürlich eine eingehende Wärmebedarfsberechnung. Bei der von uns verwendeten Dämmung reichen Flachheizkörper aus. Es müssen nicht immer Fußboden- oder Wandheizungen sein, wie man sie etwa in einem Neubau installieren würde. Und den Wärmebedarf der Mieter können wir jetzt auch individuell und damit gerecht erfassen.“

Das hätte nicht saniert werden müssen: Dämmung hält ewig

Eine PV-Anlage von über 10 kWp produziert klimafreundlichen Strom.

Pasker / Mahrholdt

Eine PV-Anlage von über 10 kWp produziert klimafreundlichen Strom.

Die alte Dämmung des Hauses, sei nach Angaben des Bauherrn noch in erstaunlich gutem Zustand gewesen. Pasker betont: „Die Rissbildungen im Putz waren geringer als bei den ungedämmten Wandflächen. Technisch wäre es ohne weiteres möglich gewesen, das neue Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) darauf aufzubringen. Aber es hat mich schon interessiert, wie eine Dämmung nach so vielen Jahren aussieht und wie der Rückbau eines WDVS in der Praxis funktioniert. Diese alte Dämmung war noch tadellos und ihr Zurückbauen hat problemlos funktioniert.“  Das alte Dämmmaterial wurde vor Ort geschreddert und komprimiert, bevor es ins Recycling ging.

Erneuerbare Energien in Modernisierungsprozess integrieren

Auf der Süd-Ost-Seite des Daches wurde eine Photovoltaikanlage mit knapp zehn Kilowatt installiert. Der erzeugte Strom wird in einem Batteriespeicher und einem Heizstab für die Warmwasserbereitung genutzt. Pasker berichtet: „Ein dreiviertel Jahr kommen wir mit dem selbstproduzierten Strom für die Wärmepumpe aus.“ In den Wintermonaten wird ergänzend Wärmepumpenstrom verwendet.

Die Modernisierung führte nicht nur zu einer deutlichen energetischen Verbesserung, sondern auch zu einer spürbaren Steigerung des Wohnkomforts. Eine Mieterin berichtet, nach der Sanierung sei es im Sommer deutlich kühler und im Winter spürbar wärmer in der Wohnung.

So viel hat das Projekt gekostet

Pasker und Dannecker setzten auf regionale Handwerksbetriebe und Produkte aus deutscher beziehungsweise europäischer Fertigung. Pasker erklärt: „Die energetische Modernisierung stellt auch einen spürbaren Beitrag zu regionaler Beschäftigung und Wertschöpfung dar.“ Laut Berechnungen der Europäischen Kommission können je eine Million Euro Investitionen in Renovierungen bis zu 30 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert werden. Die generierten Steuereffekte kompensieren die staatlichen Fördermaßnahmen.

Hier zu sehen: Energieberater Hermann Dannecker (links) und Bauherr Ralf Pasker

Pasker / Mahrholdt

Hier zu sehen: Energieberater Hermann Dannecker (links) und Bauherr Ralf Pasker

Die Gesamtkosten der Sanierung beliefen sich auf rund eine halbe Million Euro. Fördermittel und Zuschüsse unterstützten die Entscheidung für diese tiefgreifende Modernisierung ebenso wie über Jahre gebildete Rücklagen für notwendige Modernisierungen zum Werterhalt der Immobilie. Trotz einvernehmlich erhöhter Kaltmieten profitieren die Mieter von niedrigeren Betriebskosten und verbessertem Komfort.

Fazit: „Es geht, wenn man will und es richtig macht“

Das Beispiel aus Mosbach zeigt, wie Bestandsgebäude mit Geschichte und Charakter durch eine gezielte energetische Sanierung auf den Effizienzhaus-55-Standard gebracht werden können.

Pasker fasst zusammen: „In diesem Haus habe ich meine Kindheit verbracht, und an ihm und seinem großen Garten hängt mein Herz. Ich bin sicher, dass ich nicht der einzige bin in Deutschland, dem es so geht und der sich fragt, wie er die historische Immobilie seiner Eltern und Großeltern erhalten und fit für die Zukunft machen kann. Meine Erfahrung: Es geht, wenn man will und es richtig macht. Ohnehin anstehende Modernisierungen sind ein kostenoptimaler Zeitpunkt. Wenn z. B. das Gerüst ohnehin gestellt werden muss, um Fenster zu tauschen und die Fassade aufzufrischen, relativieren sich die Mehrkosten der gleichzeitigen energetischen Optimierung“

Energieberater Dannecker ergänzt: „Man kann aus einem alten Haus sicherlich kein neues zaubern. Aber man kann ein altes Haus zu einem Schmuckstück mit guter Energieeffizienz umgestalten. Dieses Gebäude in Mosbach beweist es.“

Die Sanierung in Mosbach liefert ein praxisnahes Beispiel für die erfolgreiche Transformation von Bestandsgebäuden und zeigt, wie die energetische Modernisierung zu mehr Wohnkomfort, niedrigeren Betriebskosten und regionaler Wertschöpfung beiträgt. Die Erfahrungen aus diesem Projekt bieten wertvolle Anhaltspunkte für ähnliche Vorhaben im gesamten Gebäudebestand. Quelle: Joachim Mahrholdt / ar