Betonwände, Holzbalken, Ziegelsteine: Unsere Gebäude und Straßen stecken voller Rohstoffe, die beim Rückbau bisher als Abfall enden oder nur in Teilen minderwertig verwertet werden. Alte Ziegel werden zur Straßenfüllung, Fensterglas zu Flaschen und Holzrahmen zu Pellets.
Aber kann man Städte auch als Rohstoffdepots nutzen? Denn die deutsche Baubranche verbraucht jährlich über 500 Millionen Tonnen Baurohstoffe für Gebäude und Infrastruktur. Zugleich verursacht sie große Abfallmengen.
Die Stadt München will deshalb im Rahmen seiner Zero Waste Strategie eine Baustoffbibliothek aufbauen. "Ein Wiedereinsatz in gleicher Güte und Qualität findet in Deutschland bisher kaum statt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass wir oft gar nicht wissen, was in unseren Gebäuden steckt", erklärt Matthias Heinrich, Experte für Urban Mining bei der EPEA.
Aus diesem Grund haben EPEA gemeinsam mit Madaster Germany das digitale Tool Urban Mining Screener erstellt, das eine schnelle und fundierte Materialanalyse ermöglicht. "Aus wenigen Eingangsdaten wie Baujahr, Bauort und Gebäudetyp lassen sich damit erste Abschätzungen zur Materialzusammensetzung von Gebäuden und ganzen Stadtteilen ableiten. Als Ergebnis entsteht ein Gebäudematerialkataster, das Transparenz über die verbauten Ressourcen und deren zirkuläre Potenziale schafft", ergänzt Sarah-Caitleen Sauer, Head of Public Sector & Architecture bei Madaster Germany. Das Kataster soll künftige Materialströme im Gebäudesektor prognostizieren und Materialien im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wieder einsetzen.
München will Abfälle reduzieren
München verfolgt mit dem Zero Waste Konzept das Ziel, die Abfälle aus Münchner Haushalten bis 2035 um 15 Prozent und die Restmüllmenge um 35 Prozent zu verringern. Das Konzept umfasst mehr als 100 Maßnahmen. Dazu zählt auch der Bausektor. In der dort beschriebenen "Baustoff-Bibliothek für München" stellt die Erprobung eines Materialkatasters einen wichtigen Meilenstein dar, um die Maßnahme zu prüfen und Nutzungsmöglichkeiten von Gebäudekatastern zu erproben.
München verbraucht jährlich rund 47 Millionen Tonnen Rohmaterialien. Rund 60 Prozent davon entfallen auf Bauwesen und Infrastruktur. Die Zero Waste Fachstelle im Kommunalreferat erklärt: „Bau- und Abbruchabfälle machen einen erheblichen Teil des Abfallaufkommens in München aus. Daher sehen wir hier das größte Potenzial, den Ressourcenverbrauch signifikant zu senken.“.
Pilotprojekt: Erstes Kataster für Feldmoching-Hasenbergl
München zählt damit zu den ersten Städten in Deutschland, die einen Gebäudematerialkataster pilotiert und erprobt haben. Die Landeshauptstadt erprobte den Urban Mining Screener gemeinsam mit der Zero Waste Fachstelle und dem GeodatenService München im Kommunalreferat. Daraus entstand das erste Gebäudematerialkataster für den Stadtteil Feldmoching-Hasenbergl, welches sich erweitern und auf weitere Stadtgebiete übertragen lässt.
EPEA und Madaster analysierten in Feldmoching-Hasenbergl rund 7.500 Gebäude. Im untersuchten Gebiet sind aktuell mehr als 4,4 Millionen Tonnen Beton, über 200.000 Tonnen Metalle sowie zahlreiche weitere Baustoffe verbaut. Diese Materialien im Gebäudebestand bilden ein bedeutendes urbanes Rohstofflager und sollen künftig eine zentrale Rolle für die nachhaltige Rohstoffversorgung der Region München einnehmen.
Matthias Heinrich betont: „Die Erfassung der Materialien ist nur der erste Schritt. Nun gilt es, dieses Lager systematisch im Rahmen eines vorausschauenden und nachhaltigen Stoffstrommanagements zu bewirtschaften und dabei die CO₂-Emissionen, den Rohstoffverbrauch und das Abfallaufkommen weitestmöglich zu reduzieren“.
Im weiteren Projektverlauf will München die Ergebnisse vorstellen und diskutieren. Quelle: Madaster Germany / ar
Literatur:
Umwelt Bundesamt: Die Nutzung natürlicher Ressourcen. Ressourcenbericht für Deutschland 2022
Zero Waste Konzept für die Landeshauptstadt München. Gesamtkonzept