Gebaeude Energie Berater Ausgabe: 10-2019

Nachahmen erwünscht


Die 2017 in Freiham errichtete Geothermie-Anlage zapft in ca. 2500 m Tiefe eine 90 °C heiße Quelle mit einem Durchsatz von 100 l/s an. Damit erreichen die im Quartier an die Fernwärme angeschlossenen Gebäude eine nahezu CO2-neutrale Wärmeversorgung.

Die 2017 in Freiham errichtete Geothermie-Anlage zapft in ca. 2500 m Tiefe eine 90 °C heiße Quelle mit einem Durchsatz von 100 l/s an. Damit erreichen die im Quartier an die Fernwärme angeschlossenen Gebäude eine nahezu CO 2 -neutrale Wärmeversorgung.

EU-Projekt Smarter Together zur energetischen Sanierung im Quartier Als Labore für die Zukunft entwickeln München und zwei weitere europäische Städte Maßnahmen in den Bereichen Energieeinsparung, erneuerbare Energien und Mobilität, die als Vorbild für andere Städte dienen sollen. Nach drei Jahren der Entwicklung und Umsetzung von Smart-City-Lösungen liegt der Schwerpunkt der zweiten Projektphase darauf, aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen, damit später die Lösungen in anderen Gebieten Münchens und europaweit sinnvoll eingesetzt werden können. Corina Prutti

2015 hat sich München für das europäische Förderprojekt Smarter Together beworben und gemeinsam mit Lyon und Wien den Zuschlag erhalten. Nun entwickelt die Stadt München das Projektgebiet Neuaubing-Westkreuz / Freiham zu einem nachhaltigen Quartier. Eine hohe Priorität legt die Stadtplanung auf die sozialverträgliche energetische Sanierung von Wohngebäuden und die Steigerung des regenerativen Anteils in der Wärme- und Stromversorgung.

Die Eigentümer von fünf Wohngebäuden mit ca. 25 000 m2 Bruttogeschossfläche entschieden sich für eine energetische Sanierung zum KfW-Effizienzhaus 100, davon drei Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs). Die Maßnahmen reichen von der Wärmedämmung über den Austausch von Fenstern, Heizungsanlagen und Heizkörpern bis zur Installation von Photovoltaik-Anlagen.

Ziele für das nachhaltige Quartier

Die Siedlung „Am Westkreuz“ ist in den Sechzigerjahren entstanden. Bis heute prägen Gebäude aus den Sechziger- und Siebzigerjahren das Straßenbild von Neuaubing-Westkreuz, viele der Mehrfamilienhäuser benötigen eine umfassende Modernisierung. Rund 23 000 Einwohner leben in diesem Stadtteil, dessen heterogene Bebauungsstruktur Ein- und Zwei-Familienhäuser sowie mehrgeschossige Wohngebäude umfasst. Neuaubing-Westkreuz ist der flächenmäßig größte und der am dünnsten besiedelte Stadtbezirk Münchens und gleichzeitig das größte Sanierungsgebiet Deutschlands.

Für das Projektgebiet Neuaubing-Westkreuz / Freiham hat sich die Stadt München vorgenommen,

Wohngebäude nach hohen Standards energetisch zu sanieren und gleichzeitig das bestehende Mietniveau abzusichern,

den regenerativen Anteil der Versorgung mit Wärme und Strom auszubauen und

die Bewohner für energiesparendes Verhalten und gesundes Wohnklima zu sensibilisieren.

Zur Modellregion gehört auch Freiham, das größte städtebauliche Erweiterungs- und Neubaugebiet Europas. Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Neuaubing-Westkreuz. Bis 2041 sollen dort rund 10 500 Wohneinheiten und Infrastruktur für 25 000 Bewohner entstehen.

Für die Versorgung mit erneuerbarer Energie wurde dort eine Geothermieanlage gebaut und Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 129 kWp an bisher sechs Gebäuden in Neuaubing-Westkreuz installiert. Diese kleinen, dezentralen Anlagen sind fast alle in das virtuelle Kraftwerk der Stadtwerke München (SWM) eingebunden, ebenso wie der neue Batteriespeicher der SWM.

Beratung für die Eigentümer

Um die Eigentümer mit der komplexen Thematik nicht allein zu lassen, bietet die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS) im Auftrag der Landeshauptstadt eine prozessbegleitende, objektspezifische Sanierungsberatung an, die für private Bauherren und WEGs kostenlos ist. Als Partnerin von Smarter Together erarbeitet die MGS ein Maßnahmenkonzept für die energetische Sanierung der jeweiligen Gebäudehülle, für die Modernisierung der Wärmeversorgung sowie die Integration von Photovoltaik und Fernwärme.

Die inzwischen abgeschlossenen Sanierungen der WEG Radolfzeller Straße und der WEG Wiesenthauerstraße sind Beispiele dafür, dass die Eigentümer durch die Gebäudesanierung zwischen 40 und 50 Prozent an Heiz- und Energiekosten sparen – und etwa die gleiche Menge an CO2. Zudem erhielten die Wohnungseigentümergemeinschaften Förderung für die Sanierung der Gebäude zum KfW-Effizienzhaus 100.

Sanierung bei Eigentümergemeinschaften

Bei Mehrfamilienhäusern im Wohneigentum ist der Weg zur energetischen Modernisierung komplexer als bei anderen Gebäuden. Gleichzeitig ist das Sanierungspotenzial nicht zu vernachlässigen. Zwar sind nur neun Prozent der Wohnhäuser in Deutschland WEGs, sie stellen jedoch 22 Prozent der Wohneinheiten.

„Obwohl das bautechnische Vorgehen bei Sanierungen bei jedem Gebäude grundsätzlich vergleichbar ist, egal in welcher Eigentumsform es steht, weisen Wohnungseigentümergemeinschaften bundesweit eine unterdurchschnittliche Sanierungsrate auf“, stellt Martin Kaltenhauser-Barth, Leiter des Energieteams der MGS, bei seiner Tätigkeit immer wieder fest. „Das Zusammenspiel der einzelnen Akteure und die Entscheidungsprozesse innerhalb einer WEG bringen spezielle Herausforderungen mit sich, die eine Umsetzung von umfangreichen energetischen Sanierungsmaßnahmen erschweren.“

In Neuaubing-Westkreuz begleitet und unterstützt die MGS diese Prozesse nicht nur hinsichtlich technischer Maßnahmen, sondern auch im Zusammenhang mit juristischen Aspekten, wirkt bei der Erstellung geeigneter Finanzierungskonzepte sowie bei der Beschaffung von Fördermitteln mit.

Nach der Bestandsuntersuchung im Rahmen der gemeinsamen Vor-Ort-Begehung erstellt die MGS den spezifisch auf das Gebäude zugeschnittenen Gebäudemodernisierungs- und Energie-Check. Im persönlichen Gespräch mit Beirat und Hausverwaltung, anschließend in einer informellen Eigentümer-Informationsveranstaltung, erläutern die Fachleute der MGS die Ergebnisse des Checks, die Sanierungsempfehlungen sowie Finanzierungsmöglichkeiten und gehen auf die besondere Situation der jeweiligen Eigentümergemeinschaft ein. So informiert, finden dann die formellen Eigentümerversammlungen statt, im Rahmen derer sie die Beschlüsse über mögliche Sanierungen fasst.

„Die WEG Radolfzeller Straße hat von der unkomplizierten und vor allem kostenlosen Beratung der MGS sehr profitiert: Ein Anruf genügte und schon stand uns ein Team unterstützend zur Seite“, erinnert sich Sabine Angerer-Gayer, von der verantwortlichen Weiher Hausverwaltung GmbH. „Inzwischen sind alle Maßnahmen umgesetzt, die Eigentümer sparen merklich aufgrund der gesunkenen Heizkosten. Die Bewohner berichten darüber hinaus, dass sich das Wohnklima deutlich verbessert hat.“

Versorgung mit erneuerbarer Energie

Für das Ziel, die Energieversorgung des Quartiers mit einem hohen regenerativen Anteil zu decken, spielt vor allem Erdwärme eine wichtige Rolle. Die 2017 von den Münchner Stadtwerken (SWM) errichtete Geothermie-Anlage in Freiham zapft in ca. 2500 m Tiefe eine 90 °C heiße Quelle mit einem Durchsatz von 100 l/s an. Die SWM speist 13 MW dieser lokal gewonnenen Heizleistung in das stadtweite Fernwärmenetz ein. Damit erreichen die im Quartier an die Fernwärme angeschlossenen Gebäude eine nahezu CO2-neutrale Wärmeversorgung.

Bei der regenerativen Stromversorgung übertraf Smarter Together das ursprüngliche Ziel von insgesamt 109 kWp: Die Photovoltaik-Anlagen, mit denen die Stadt zwei Kindergärten und drei Schulen im Quartier ausrüstete, stellen gemeinsam mit der PV-Anlage der WEG Radolfzeller Straße eine Leistung von insgesamt 128 kWp bereit.

Das virtuelle Kraftwerk der Stadtwerke vernetzt die Erzeugungsanlagen und Stromverbraucher der unterschiedlichen Standorte miteinander. Überschüssiger Strom kann kurzfristig in den neu errichteten Batteriespeicher geladen und auf diese Weise die Produktion und Nachfrage im Quartier ausgeglichen werden. Mit seiner Leistung von bis zu 800 kW und einer Kapazität von 1 MWh ist er ein wichtiger Baustein im Energiekonzept, der zum stabilen Betrieb des Stromnetzes beiträgt.

Energie sparen im Smart Home

Den Bewohnern des Projektgebietes stehen im Rahmen von Smarter Together insgesamt 400 Smart-Home-Sets und eine passende App kostenfrei zur Verfügung. Im Haushalt installiert, sammeln die Sets Daten zu Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Per App erhalten die Nutzer Hinweise zum Heizen oder Lüften, durch die sie ohne Komforteinbußen Energie einsparen können. Die Anpassung des Nutzerverhaltens ermöglicht individuelle Einsparungen von bis zu 25 Prozent bei angenehmem Innenraumklima.

Finanzierung der Maßnahmen

Für Smarter Together erhält die Stadt München EU-Fördergelder in Höhe von ca. 6,85 Millionen Euro. Hinzu kommen Eigenmittel sowie Gelder aus Wirtschaft und Forschung. Bis Anfang 2021 investiert München rund 20 Millionen Euro allein im Rahmen dieses EU-Projektes in die Quartiersentwicklung von Neuaubing-Westkreuz/ Freiham.

Die vorgeschlagenen Maßnahmenpakete basieren auf einer Ökonomie des Teilens (Sharing Economy), der gemeinschaftlichen Nutzung von Diensten und Gütern, der Wiederverwertung von Ressourcen, innovativen Geschäftsmodellen, der Anwenderfreundlichkeit von Dienstleistungen und dem zielgerichteten, gesellschaftsverträglichen Einsatz moderner Technik.

So machen acht Stationen das Quartier mobil mit den Mobilitatsbausteinen der MVG: Dazu zählen Miet-Fahrräder, Pedelecs, E-Lastendreiräder, E-Carsharing von StattAuto sowie SWM-Ladesäulen für Elektro-Autos mit 100 % M-Ökostrom. Diese Mobilitätsstationen sind mit dem Kernangebot des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) verknupft. Alle acht Stationen sind mit öffentlichem M-WLAN ausgestattet. Eine digitale Infostele vor Ort zeigt alle vorhandenen Mobilitätsoptionen auf.

An zwei der Stationen ermöglichen sogenannte Quartiersboxen einen 24-Stunden-Liefer-, Einkaufs- und Tauschservice. Sie sind mit Kühl-, Tiefkühl- und Raumtemperaturfächern ausgerüstet.

Eine Smart-City-App macht viele der Dienstleistungen auf einen Klick nutzbar.

Erfahrungen sammeln und weitergeben

Ein wesentlicher Grundsatz in diesem EU-Projekt ist die Evaluation und Replikation: München, Wien und Lyon bringen ihre jeweiligen Erfahrungen, Erkenntnisse sowie die erzielten Erfolge in das Gesamtprojekt ein, um sie miteinander zu vergleichen und die weiteren Entwicklungen zu optimieren. Dafür stehen sie und zwei Nicht-EU-Städte mit Beobachterstatus (Kiew und Yokohama) in kontinuierlichem Austausch.

2019 hat eine neue Phase im Projekt Smarter Together begonnen: Nach drei Jahren der Entwicklung und Umsetzung von Smart-City-Lösungen liegt ab sofort der Schwerpunkt darauf,  aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen, damit später die Lösungen in anderen Gebieten Münchens und europaweit sinnvoll eingesetzt werden können. Bis zum Ende des Projektes im Jahr 2021 werden nun Erkenntnisse gesammelt und zusammengestellt, die dann geteilt werden können. Die bisher in München umgesetzten Aktivitäten hat das Team in einer Broschüre zusammengefasst, die unter www.smarter-together.de/links heruntergeladen werden kann.

Ein Beispiel ( www.kreuzundquer.de ): München wird ab Herbst 2019 im Projektgebiet ein Bewegungsspiel für Kinder umsetzen, das vom Projektteam in Wien entwickelt wurde. Weitere Inspirationen sollen und werden folgen, vor allem nachdem die Phase der Evaluation Anfang 2021 beendet ist.

  • Bewohner der WEG Radolfzeller Straße berichten, dass sich durch die Maßnahmen das Wohnklima verbessert und die Heizkosten verringert haben.

  • Die WEG Radolfzeller Straße entschied sich für die Installation einer Photovoltaik-Anlage. Zusammen mit den Anlagen auf zwei Kindergärten und drei Schulen kommt das Quartier auf eine Leistung von insgesamt 128 kW p .

  • Inzwischen ist auch bei der WEG Wiesenthauerstraße die Gebäudesanierung abgeschlossen. Die Eigentümer sparen durch die Maßnahmen zwischen 40 und 50 Prozent an Heiz- und Energiekosten.

Dominik Parzinger

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