Gebaeude Energie Berater Ausgabe: 02-2016

Unter der Erde von Berlin

GeoHybrid-Anlage nutzt Sonne und Erdwärme Das energetische Konzept für die Wohnanlage einer Baugruppe kombiniert einen Solarabsorber mit Geothermie und ist dank integriertem Blockheizkraftwerk nahezu unabhängig vom Stromnetz. Die von dem Berliner Unternehmen Geo-En konzipierte Anlage kühlt und beheizt die insgesamt sechs Mehrfamilienhäuser effizient mit erneuerbarer Energie und gilt damit als Modell für die städtische Wärmewende. Klaus Siegele

  1. Teil: Unter der Erde von Berlin
  2. Teil: Energetisches Konzept
  3. Teil: Geo-En – Energy Technologies

Inmitten des Pankower Florakiez projektierte die Baugruppe „Himmel und Erde“ vor rund drei Jahren auf einem ehemaligen Bahngrundstück eine L-förmige Blockrandbebauung aus sechs Mehrfamilienhäusern. An der Planung der fünf- bis sechsgeschossigen Hausgruppe, die über Eck einen rund 3 000 m2 großen Gemeinschaftsgarten umschließt, waren sechs Architekturbüros beteiligt. Lange bevor die ersten Bagger anrückten, regte sich heftiger Widerstand im Kiez gegen das Projekt, für das teilweise eine angestammte und beliebte Kleingartenanlage geopfert werden musste. Zudem argwöhnten die Bewohner des Viertels, dass mit dem Neubau, der rund 70 Baufamilien eine neue Heimat ermöglichen sollte, die Spekulation im Quartier angeheizt wird. Die Angst war groß, dass nun auch in dieser beschaulichen Ecke von Berlin-Pankow die Mieten durch die Decke schießen und weitere Neubauten und Edel-sanierungen das liebgewonnene Gesicht des Kiezes entstellen.

Kampf um die grüne Oase

Doch die Klagen und Wehrhaftigkeit der engagierten Bürger blieben am Ende erfolglos – die Baugruppe setzte sich durch und verwirklichte ihr Vorhaben im letzten Jahr mit ansehnlicher Architektur und einem leider etwas ideenlos gestalteten Wohnhof mit großer Rasenfläche und nüchternem Spielplatz – aus Sicht der Pankower Anwohner kein wirklicher Ausgleich für die 16 abgeräumten Kleingartenparzellen. Inzwischen längst fertiggestellt und bezogen, trauern viele Anwohner immer noch dem gestutzten Kleingartenareal nach und sehen in dem als „Ökoprojekt mit Weitblick“ angepriesenen Neubau mit KfW 55-Standard keine nachhaltige Aufwertung ihres Kiezes.

Die Angst vor Überfremdung und der Protest gegen die sich ausbreitende Gentrifizierung der vertrauten Quartiere sind nachvollziehbar und mögen vielerorts auch berechtigt sein – das krampfhafte Festhalten an den gewachsenen Strukturen wird die Metamorphose von Deutschlands Hauptstadt aber nicht aufhalten können, deren Charme und Attraktivität paradoxerweise gerade von dem Milieu genährt wird, das Investoren in ihrem Goldrausch oft nicht wahrnehmen und ihm durch das Anheizen der Wohnkosten die Grundlage entziehen.

Kein 08/15-Konzept

Eine Baugemeinschaft wie „Himmel und Erde“ sollte gegenüber derlei kapitalistischem Gehabe unverdächtig sein, steht hier doch die Eigennutzung im Vordergrund, verbunden mit dem Engagement, gemeinsam das finanzielle Risiko von der Planung bis zum Bezug des Projektes zu tragen. Spekulationsgedanken weist die Baugruppe jedenfalls weit von sich.

Wie auch immer: Das gemeinsame Stemmen der vielen Hürden und Probleme schweißt so eine Baufamilien-Gruppe zusammen und passt weitaus besser zu dem Milieucharakter eines Kiezes als ein möglichst kostengünstig dahin gestellter Bauklotz. Dieselben gibt es bekanntlich zuhauf: Vom Bauträger oder Investor sauber filetiert an die meistbietende Käuferschaft abgegeben, die erstmals beim Einzug den Kiez zu Gesicht bekommt und sich dann mehr oder weniger gut integriert.

So verwundert es schlussendlich auch nicht, dass das Wohnprojekt „Himmel und Erde“ keine 08/15-Lösung ist. Was dem Gebäudekomplex mit traumhaftem Ausblick in den oberen Etagen an gestalterischer Finesse fehlt, machen die funktionalen Grundrisse und vor allem das energetische Konzept wett, das zeigt, dass auch große Gebäude in einer Metropole wie Berlin kostengünstig mit erneuerbarer Wärme versorgt werden können.

Kern der Überlegungen ist die sogenannte GeoHybrid-Anlage (Abb. 1), mit der die 70  Wohnungen ökologisch mit Erdwärme beheizt und gekühlt werden. Und das – soweit man das schon abschätzen kann – zu einem sagenhaft attraktiven Wärmepreis von nur rund 3,4 Cent / kWh!

Gewusst wie – mit Sonne und Geothermie

Die Anlage kombiniert 20 Erdwärmesonden mit einem Blockheizkraftwerk (Abb. 2), das gleichzeitig den Strombedarf der Wärmepumpen deckt. „Durch das innovative Energiekonzept sparen die Bewohner gegenüber einer Gasbrennwertheizung dauerhaft rund 50 Prozent der sonst anfallenden Heizkosten“, erläutert Dr.  Nikolaus Meyer, Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Geo-En, das die Anlage plante und realisierte. Auch die Umwelt profitiert, denn die klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen wurden halbiert.

Die Anlage dient nicht nur zur Beheizung, sondern auch zur Kühlung – ein besonderer Komfort für die Bewohner. Und das quasi zum Nulltarif! „Sommerliche Kühlung wird angesichts des Klimawandels immer wichtiger“, so Meyer. Die abgeführte Wärme aus den Wohnungen wird zur Warmwasserbereitung und zur Regeneration der Erdwärme genutzt. Zusätzlich laden solarthermische Absorber auf dem Dach (Abb. 3) im Sommer die Erdwärmesonden auf. Die Geothermie-Anlage ist damit zugleich ein saisonaler Speicher der Sonnenenergie.

Mit diesem zukunftsweisenden Energiekonzept erfüllte der Neubau in Berlin-Pankow die Vorgaben der EnEV 2016, lange bevor diese in Kraft getreten war. „Die neuen Anforderungen sind ohne Umweltwärme nur noch mit hohen Mehrkosten zu erfüllen“, ist Dr. Martin Sabel vom Bundesverband Wärmepumpe überzeugt.

Bauherren, die mit Gas heizen möchten, müssten zum Beispiel zusätzlich eine Solarthermieanlage und eine Wärmerückgewinnungsanlage einbauen, um die Anforderungen zu erfüllen, so Sabel. Und weiter: „Die Wärmepumpe genügt den neuen Anforderungen aufgrund ihrer herausragenden Energieeffizienz auch als alleinstehende Technik.“

„Die Anlage zeigt einmal mehr, welche Potenziale in oberflächennaher Geothermie stecken“, fasst Meyer zusammen. Auch die Politik setzte deshalb verstärkt auf Geothermie. Erst im November hat die vom Berliner Abgeordnetenhaus eingesetzte Enquete-Kommission „Neue Energie für Berlin“ in ihrem Abschlussbericht ein ganzes Bündel von Maßnahmen vorgeschlagen, um den Ausbau der Geothermie zu forcieren.

  • 1  Modellschema der GeoHybrid-Anlage in dem Wohnkomplex in Berlin-Pankow. Die Kombination aus BHKW, Wärmepumpe, Geothermie und Solarabsorber auf dem Dach bringt 450 kW Heizleistung und 80 kW Kühlleistung.

    2  Verstaubte Heizkeller mit Ölgeruch waren gestern – die sauber aufgeräumte GeoHybrid-Heizzentrale ist die Visitenkarte für die durchdachte Planung des energetischen Konzepts und die sorgsame Installation sämtlicher Komponenten.

    3  Der solarthermische Absorber auf dem Dach der Wohnanlage lädt das Erdreich rund um die Erdwärmesonden im Sommer wieder auf.

  • 4  Der Kostenvergleich GeoHybrid mit Fernwärme zeigt, dass sich die GeoHybrid-Anlage bereits nach sieben Jahren amortisiert hat und die laufenden wie auch die kumulierten Kosten von Beginn an unter denen der Fernwärme liegen.

    5  Die Kombination von Wärmepumpe und Geothermie ist hinsichtlich der erzielbaren Effizienzklasse gegenüber anderen Anlagenkonzepten unschlagbar günstig.

Bildquelle: geo-en, Berlin

Literatur

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