GEB Newsletter: 21-2006 | 12.10.2006

LESERBRIEFE

„Eine wahrhaft entlarvende Stellungnahme“

Gerald Lutermann, Architekt und Energieberater aus Hannover, leitete uns nach dem Beitrag „Wann kommt der EnEV-Referentenentwurf?“ im letzten GEB-Letter, in der wir auf eine Erklärung des wirtschaftspolitischen Sprechers der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Alexander Dobrindt zur künftigen Ausgestaltung des Gebäudeenergieausweises hinwiesen, einen Brief an die CSU-Landesgruppe weiter. GLR.

********
Sehr geehrter Herr Dobrint, sehr geehrte Damen und Herren,

zu Ihrer Pressemitteilung vom 20. September 2006, bzw. die Erklärung von Herrn Alexander Dobrindt zur künftigen Ausgestaltung des Gebäudeenergieausweises ist eine/meine Stellungnahme erforderlich. Schritt für Schritt zu Ihrer „klaren Antwort“:

>>Mit dem künftigen Gebäudeenergieausweis darf keine neue Kostenspirale flächendeckend in Deutschland Einzug halten.<<
Bei einmaligen Kosten von einer „Spirale“ zu sprechen ist lupenreine Polemik bzw. Unsinn! An Stelle von „flächendeckend“ könnte man auch sagen, dass es für alle gilt. Was ist daran auszusetzen? Die geringfügig höheren Kosten eines Bedarfsausweises sind, wo erforderlich (s.u.), sinnvoll investiert.

>>Nur eine uneingeschränkte Wahlfreiheit zwischen Bedarfs- und Verbrauchsausweis verhindert neue Kostenbelastungen für Bürger und Unternehmen, unterbindet unnötige Bürokratie und beschränkt sich auf eine Eins-zu-Eins-Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie.<<
Beide Ausweisformen verursachen Kosten, die in der Folge zu Einsparungen und Wertsteigerungen führen! Warum ist ein Bedarfsausweis bürokratischer? Meine Kunden sagen, dass sie einen Bedarfsausweis wollen und dann bekommen sie einen, was dazwischen liegt erledige ich! Eins-zu-Eins-Umsetzung bedeutet für Sie offensichtlich eine rechtssichere und keine zielorientierte Umsetzung. Die Richtlinie benennt Ziele, deren Erreichen im Vordergrund stehen sollte. Sie ist „nach ihrem Geist“ und nicht rein formal umzusetzen.

>>Zudem schafft die Wahlfreiheit gleichzeitig die notwendigen Anreize für die energetische Sanierung von Gebäuden. <<
Wie kann das sein? Ein Anreiz, etwas zu tun, kann nur entstehen, wenn klar wird, wo die Probleme stecken und was dagegen zu tun ist.

>>Hoher Aufwand und hohe Kosten des Bedarfsausweises - bei nicht unumstrittenem Aussagewert – sind unübersehbar.<<
Hoher Aufwand und hohe Kosten stellen, so geschrieben, ein Doppelminus dar. Real ergibt sich folgendes: Aufwand = Analyse + Berechnung + Information = ++. Kosten entspricht Aufwand = höher = (+/-). => Summe >= +! Aufwand und Kosten sind immer relativ. Für einen Verbrauchsausweis für ein Ein- oder Zweifamilienhaus ist jeder Euro zu viel, wenn die Aussagekraft eines solchen Ausweises gleich Null ist (vgl. unten).

>>Dieser (Verbrauchsausweis) ist bei üblicher Nutzung durchaus aussagekräftig und muss ebenso Modernisierungsempfehlungen enthalten wie der Bedarfsausweis.<<
In Mehrfamilienhäusern ab etwa 8 Wohnungen schlägt die große Spannweite „üblicher Nutzung“ vielleicht nicht so zu Buche. Hier kann der Verbrauchsausweis eine in etwa realistische Aussage zum Verhältnis von Energieverbrauch zu energetischem Gebäudezustand liefern. Je weniger Wohneinheiten aber zum Objekt gehören, desto maßgeblicher wird das Nutzerverhalten. Einerseits ist der Manipulation hier Tür und Tor geöffnet (Wie können Heizkosten (z.B. Ölverbrauch) wirklich zuverlässig nachgewiesen werden? Und wenn es um viel Geld geht (Wertsteigerung durch positiven Energieausweis) frieren vielleicht Leute auch mal 2 oder 3 Winter lang oder schaffen sich vorübergehend einen Holzofen an oder, oder, oder?). Andererseits wird das Nutzerverhalten zu einer extrem „übergewichtigen“ Größe. Wie stellt sich der Wärmebedarf, wie das Lüftungsverhalten und wie das Dusch- und Badeverhalten von wie vielen Nutzern dar und wie ist das zu verifizieren? In diesem Bereich kann ein Verbrauchausweis nicht funktionieren. Nach wenigen Jahren wäre die völlige Wahlfreiheit – mit hohem bürokratischen und finanziellen Aufwand – zu revidieren.

>>Der große Erfolg beim CO2-Gebäudesanierungsprogramm zeigt: Es ist bereits jetzt für Haus- und Wohnungsbesitzer lukrativ, Energie sparende Maßnahmen zu ergreifen. Daher ist es auch unter umweltpolitischen Gesichtspunkten nicht erforderlich, eine Verpflichtung für den teuren Bedarfsausweis einzuführen.<<
Ergo 1: Ein Ausweis „jedweder“ Art ist überflüssig, denn die Leute wissen ja eh, was zu tun ist! Quasi im letzten Satz wird deutlich, was Sie wirklich meinen: „Alles Unsinn, was die EU da will.“
Ergo2: Ja – es ist „lukrativ, Energie sparende Maßnahmen zu ergreifen“! Die meisten Leute wissen das nur nicht oder wissen nicht, was zu tun ist! Der Erfolg von o.g. KfW-Programm ist ohne Zweifel da. Aber: Die erreichten energetischen Verbesserungen betreffen nur einen verschwindend kleinen Teil des Altbaubestandes. Wirkliche umweltpolitische Erfolge sind nur bei einer „flächendeckenden“ Information der einzelnen Eigentümer bzw. Nutzer möglich. Eine „Verpflichtung für den teuren Bedarfsausweis“ ist sicher für 1- und 2-Familienhäuser und meines Erachtens auch für kleinere Mehrfamilienwohnhäuser erforderlich, weil allein aussagefähig. Wenn man jedoch erreichen will, dass der Energiepass insgesamt, kurz nach seiner wann auch immer erfolgenden Einführung wieder eingestampft wird, sollte man Ihre Forderungen unterstützen.

Zur Klarstellung: Ich richte mich nicht grundsätzlich gegen den Verbrauchsausweis, sondern gegen die grundsätzliche Wahlfreiheit.

„Wahlfreiheit oder neue Kosten für alle?“ – eine meines Erachtens peinliche und wahrhaft entlarvende Stellungnahme!

Gerald Lutermann, Architekt und Energieberater
Hannover, den 26.09. 2006

****
  • zurück
  • Druckansicht
  • Versenden

Weitere Artikel zum Thema

Sommerumfrage

Wie zukunftsfähig ist die Energieberatung?

Zur Umfrage

» zum Fragenarchiv

Wissenscheck

Testen Sie Ihr Wissen und lernen Sie dazu! Jeden Monat stellen wir Ihnen vier Fragen aus dem GEB-Umfeld und erläutern die richtige Antwort.

GEB-Newsletter

Ja, ich möchte den GEB-Newsletter kostenlos abonnieren: