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Konstruktive Kritik am GEG zur Diskussion

Die Deutsche Umwelthilfe und das Energie-Effizienz-Institut Weimar haben einige kritische Anmerkungen zur Konzeption der Gebäudeenergiegesetzgebung und den Energieausweisverfahren, die im Folgenden zusammengefasst sind und hier diskutiert werden können:

  • Der ab 2019 bzw. 2020 für Neubau geplante Effizienzstandard ist weit von technisch und ökonomisch realisierbaren Effizienzstandards entfernt. Das EU- Ziel Nearly-Zero-Energy mit wesentlicher Energieversorgung aus regenerativen Quellen wird verfehlt. Es ist bereits seit über 30 Jahren technisch möglich, Passivhäuser und ähnliche Gebäudeffizienzniveaus zu bauen und seit über 20 Jahren auch nachgewiesen ökonomisch sinnvoll!
  • Die Grenzwerte für spezifische Transmissionswärmeverluste sind vom Verhältnis der wärmeübertragenden Gebäudehülle zum Volumen abhängig. Im Ergebnis dürfen Gebäude mit schlechtem A/V-Verhältnis sehr viele mehr Wärmeverluste emittieren. Stattdessen wäre es aus gebotenem Klimaschutz besser, wenn der Grenzwert für den spezifischen Transmissionswärmeverlust nicht vom A/V-Verhältnis abhängig wäre. Gebäude mit sehr ungünstigem A/V-Verhältnis müssten dann besser gedämmt werden. Gebäude bei denen diese Aspekte in der Planung und beim Bau berücksichtig werden, könnten mit geringerem Dämmaufwand erstellt werden. Ähnliches gilt für die Grenzwertverschiebung bei großen Fensterflächen.
  • Die energetischen Anforderungen an Nachrüstung von Bestandsgebäuden werden nicht verschärft, obwohl auch hier ein deutlich größeres Potential vorhanden ist. Ohne eine deutliche Anhebung der energetischen Bestandssanierungsquote werden wichtige Klimaschutzziele verfehlt. Zur Schließung ggf. vorhandener Wirtschaftlichkeitslücken stehen bereits erprobte Förderprogramme zur Verfügung.
  • Die Primärenergiefaktoren stellen politische Stellräder dar. Den Primärenergiefaktor von Strom undifferenziert „in Erwartung eines höheren regenerativen Anteils im Versorgungsnetz“ abzusenken entbehrt leider in dieser drastischen, allgemeinen und vorauseilenden Form den erforderlichen wissenschaftlichen Grundlagen und muss als Erfolg gezielter Lobbyarbeit gewertet werden.
  • Es gibt zu viele Ausnahmen: Warum sollen z.B. Gebäude von energetischen Pflichtmaßnahmen ausgenommen werden, nur weil sie in einem Sanierungsgebiet liegen? Warum lassen sich auf einem Baukulturdenkmal, welches seit der Entstehung möglicherweise fünf verschiedene Dacheindeckungen hatte, im postfossilen Zeitalter keine gestalterisch angepassten Solarmodule integrieren? Warum kann Befreiung wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit erlangt werden, obwohl die Wirtschaftlichkeit vieler Maßnahmen in mehreren Studien und vergleichbaren, individuellen Objektbewertungen mit dynamischen Bewertungsmethoden nachgewiesen wurde?
  • Die Differenzierung zwischen Wohn- und Nichtwohngebäuden ist nicht zeitgemäß. Auch Wohngebäude werden teilweise energieintensiv gekühlt und beleuchtet, so dass auch bei Wohngebäuden eine Berücksichtigung dieser Nutzenergieformen geboten ist.
  • Für jedes Quartier bzw. jedes Gebäude sollten individuelle Klimaschutzsanierungsfahrpläne erstellt werden. In diesen wären zu erreichende Energie- und Emissionsgrenzwerte unter Berücksichtigung der Lebenszyklen definierbar.
  • Als Gebäudehauptzielgröße sollte Lebenszyklus-CO2-Emission mit Personen- und nutzfächenbezogenen Grenzwerten herangezogen werden. Zudem sollte bei Nichteinhaltung der Zielwerte eine CO2-Abgabe geleistet werden. Grenzgrößen für maximale Primärenergiebedarfe und Transmissionswärmeverluste sollen parallel erhalten bleiben, um die Mindestwärmeschutzqualität mit den langfristigen Auswirkungen sicherzustellen. Auch andere Treibhausgase dürfen nicht gänzlich außer Betracht geraten. In Energieausweisen könnten ergänzend noch flächenbezogene Endenergiewerte aufgeführt werden, um eine orientierend vergleichende Betriebskostenkalkulation zu ermöglichen.
  • Die parallelen Bewertungsverfahren auf der Basis des Energieverbrauchs und des Bedarfs ist nicht zielführend und stellt keine geeignete Vergleichsmöglichkeit dar wie sie zur Umsetzung europarechtlicher Anforderungen bezweckt ist. Verbrauchskennzahlen könnten bei Bestandsgebäuden allerdings vergleichend und zur Plausibilisierung ergänzt benannt werden.
  • Neubauten sind ohnehin nicht energetisch im Verbrauchsverfahren darstellbar. Es besteht die Verpflichtung zur Benennung möglicher und wirtschaftlicher Effizienzmaßnahmen. Da Verbrauchsausweise jedoch häufig von Ablesediensten ohne genaue Kenntnis der baulichen Verhältnisse erstellt werden, können hier auch keine spezifischen Effizienzmaßnahmen vorgeschlagen werden. Die Bewertung von Effizienzmaßnahmen kann nur auf der Basis einer Bedarfsvergleichsbilanzierung des Altzustands mit sanierten Prognosezuständen erfolgen. Subsummierend spricht veles für eine Vereinheitlichung zum Bedarfsverfahren. Verschiedene Verfahren führen zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dies ist weder der Außenwirkung dienlich noch praktikabel. Ein Schritt in die richtige Richtung ist sicherlich die Abschaffung der Bilanzierungsmöglichkeit nach DIN 4108/ DIN 4701 – zumal die hier hinterlegten anlagentechnischen Kennwerte seit einigen Jahren nicht mehr aktualisiert worden sind und eine sachgerechte Bilanzierung nur für Wärmeschutzniveaus der Baujahre 1995-2009 möglich wäre. Die ersatzweise Einführung eines Tabellenverfahrens erscheint zunächst als sympathische Vereinfachung. Bei genauerer Betrachtung muss angemerkt werden, dass der zeitliche Aufwand gegenüber einer geübten Eingabe in eine 18599-Gütesiegelsoftware kaum geringer ist und der Anschein erweckt wird, als wäre eine fachgerechte Auswertung durch gering Qualifizierte möglich. Weiterhin verbleibt das Grundproblem: Mehrere Verfahren = unterschiedliche Ergebnisse.
  • Es fehlt teilweise an klaren Regelungen zu Registrierungs- und Ausstellungspflichten, Prüfzuständigkeiten und Prüfprozeduren. Weiterhin fehlt es in vielen Bundesländern an einer nennenswerten Prüfdichte und qualifizierten Vertiefungsprüfungen. Momentan sind noch nicht in allen Bundesländern geeignete staatliche Kontrollmechanismen zum Vollzug und zur Prüfung von Gebäude-Energieausweisen und deren Kenndaten-Veröffentlichungspflichten, Klimaanlagen-Inspektionen, EEWärmeG-Nachweisen, Wärmeschutznachweisen, Nachweise zum sommerlichen Wärmeschutz und Ausnahmeanträgen eingeführt. So überrascht es nicht, dass in weiten Teilen der Republik die praktische Umsetzung energetischer Belange im Bauwesen eine sehr niedrige Priorität zugeordnet wird. Die Kontrollmechanismen sollten auch auf wichtige anerkannte Regeln der Technik ausgeweitet werden wie es für KfW-Effizienzhäuser seit Langem selbstverständlich ist: Luftdichtekonzepte nach DIN 4108, Belüftungskonzepte nach DIN 1946-6, hydraulischer Abgleich von Heizungs- und Kälteanlagen.
  • In der Praxis werden derzeit Energieeffizienzmaßnahmen nur umgesetzt, wenn es sich für die Investoren „rechnet“; Dies schlägt sich an verschiedenen Stellen der Gesetzgebung als Wirtschaftlichkeitsgebot nieder. In der EU-Gebäuderichtlinie wird ebenfalls gefordert Berechnungsmethodik zur Bewertung von kostenoptimalen Niveaus einzuführen. Im Gegensatz, z.B. zur Immobilienbewertung, gibt es für Wirtschaftlichkeitsberechnungen von Energieeffizienzmaßnahmen allerdings noch keine allgemein gültigen und anwendbaren Berechnungsrichtlinien mit anzusetzenden Randbedingungen. Somit kann jede Maßnahme je nach Zielsetzung zu den unterschiedlichsten Wirtschaftlichkeitsergebnissen geführt werden. Es fehlt an einer Richtlinie zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit von baulichen Effizienzmaßnahmen, die dazu dient, derartige Berechnungen vergleichbar und transparent zu gestalten. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat bereits entsprechende Voruntersuchungen geleistet und ein Berechnungstool für Effizienzmaßnahmen im Umlauf, welches allerdings weder Sowieso-Instandhaltungskosten noch anlagentechnische Maßnahmen berücksichtigt. Weiterhin ermöglicht es auch keine einheitliche Renditeberechnungsmethode für die Wohnungswirtschaft.
  • Auf Grund gebotener Suffizienz im Klimaschutzbereich, ist der Verfasser davon überzeugt, dass weitere Energiekennzahlen mit Personenbezug eingeführt werden müssen. Ziel sollte die Bewertung des persönlichen ökologischen Fußabdrucks sein. Dies könnte sowohl im Steuerrecht als auch in der Förderpolitik positive Umweltwirkung entfalten. Klimaschädliches Verhalten muss sich persönlich nachvollziehbar verteuern; klimafreundliches Verhalten soll belohnt werden, z.B. durch eine Vergütung von Negawattstunden für Fälle von Vermeidung und Einsparungen.
Datum: 07.08.2018 17:26:31

Re: Konstruktive Kritik am GEG zur Diskussion

Vieles an Ihrer Kritik kann ich unterstützen, aber bei weitem nicht alles:
Die A/V-Abhängigkeit, repektive das Referenzgebäudeverfahren macht durchaus Sinn bezüglich der Gleichbehandlung. Beim Bauen abseits der "grünen Wiese" treten oftmals Zwänge auf, die nicht zum Nachteil der Bauherrschaft führen müssen. Außerdem sollte die architektonische Freiheit erhalten bleiben, bei aller Effizienz sollte die Vielfalt erhalten bleiben.
Die Tatsache, daß die Anforderungen an Bestandsgebäude nicht verschärft werden, ist wohl erfolgreicher Lobbyarbeit zu verdanken, denn das wäre inn der Tat die größte Stellschraube.
Primärenergiekennwerte waren schon immer in der Diskussion. Hier sollte man auch regionale Unterschiede im Strommix bewerten. Auch bei der Bewertung von PV- oder Solarthermieerträgen ist die Fixierung auf das Klima "Südskandinavien" (Potsdam) im Zeitalter der softwaregestützten Nachweise nicht mehr zeitgemäß - auch hier sollte regional differenziert werden.
Ausnahmen: Ich weiß nicht, ob alle Ausnahmen aus der EnEV fortgeschrieben werden, dort gibt es noch mehr fragwürdige: religiös genutzte Gebäude: warum? alte Kirchen sind ohnehin denkmalgeschützt, alles weitere kann (mit einem neuen Nutzungsprofil in der 18599) erfasst werden. Landwirtschaftliche Gebäude: ebenfalls mit angemessenem Nutzungsprofil erfassen. Bei Befreiungen aus wirtschaftlichen Gründen, die sowieso nur sehr schwer zu bekommen sind, sollte man mit der Forderung nach Abschaffung vorsichtig sein. Faktoren wie Restnutzungsdauer eines Gebäudes, oder der vielzitierte Senior im EFH sollten Aspekte bleiben. Vllt. wäre eine befristete Befreiung ein Weg.
Die Aufteilung in Wohn- und Nichtwohngebäude ist durchaus noch zeitgemäß, da NWG üblicherweise nicht 24/7 in Betrieb, respektive genutzt sind. Wenn ein Wohngebäude über das Übliche hinaus konditioniert wird (z.B. Kühlung) muß ja schon jetzt nach 18599 bilanziert werden, wo das durchaus darstellbar ist.
Quartierklimaschutzpläne sind sinnvoll und werden bereits jetzt bei neuen Erschließungsgebieten oder Sanierungsgebieten oft mit über die EnEV hinausgehenden Anforderungen kommunal erstellt. Das ist aber nich Aufgabe des GEBÄUDE-EG.
Für Ausweise wäre eine Darstellung der Qualität der Bausubstanz und der CO2-Emissionen ausreichend, Lebenszyklusbezug durchaus eine denkbare Variante. Die übrigen Infos sind für Planer, Eigentümer und Interessierte im Nachweis einsehbar. Der Ausweis, der sich ja hauptsächlich an Laien richtet, sollte so übersichtlich und einfach wie möglich bleiben. Der nach 4108 oder 18599 berechnete Endenergiebedarf hat aufgrund der Eingangswerte in die Berechnung ohnehin nichts mit der Wirklichkeit zu tun und stiftet nur Verwirrung.
Verbrauchsausweise haben nie den Anspruch "Vergleichbarkeit" erfüllt und sin nur das Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit.
Die Beschränkung auf ein Berechnungsverfahren ist grundsätzlich sinnvoll. Falls es die 18599 sein sollte, kann auch die Zusammenführungvon WG und NWG durch Darstellung einer Zone "Wohnen" leicht erreicht werden, was vor allem die Nachweise gemischt gebutzter Gebäude erleichtert. Aber von den derzeit existierenden Berecnnungsverfahren liefert allenfalls das PHPP halbwegs plausible Ergebnisse. Die Zukunft liegt wohl in Gebäudesimulationen, wie WUFI-Plus...
Kontrollen? Ausstellungsberechtigungen? Noch mehr Bürokratie? Die Zuständigkeit der Länder erinnert ohnehin schon an den schweizer "Kantönlisgeischt", mit fdem Regelungs- und Zuständigkeitswirrwarr. Aber das ist wohl politisch so gewollt, um Hintertürchen für die eine oder andere Lobby offenzuhalten. Eine sinnvolle Lösung wäre ein "wer kann, der darf", mit jederzeit möglichen Kontrollen undentsprechender Haftung. Aber das bleibt in D wohl ein Traum.
Auch ein schöner Traum sind Energiekennwerte mit Personenbezug. Von den Schwierigkeiten bei der Umsetzung mal abgesehen (EFH für 5 Personen geplant, nach 10 Jahren nur noch von 2 bewohnt), dauert so etwas in D mindestens 40 Jahre. Und bis dahin ist die Umwelt so nachhaltig versaut, daß das auch nichts mehr bringt....
Datum: 09.08.2018 09:36:57

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