GEB Newsletter: 08-2006 | 20.04.2006

IHRE MEINUNG

Hydraulischer Abgleich – ein Skandal?

Im GEB-Infoletter 06 zitierten wir aus dem Zeitungsartikel „80 Millionen Verschwender“ aus DIE ZEIT. Unterlassener Hydraulischer Abgleich von Heizungsanlagen wird darin für die Verschwendung von jährlich 1 Mrd. m³ Erdgas und 600 Mio. Liter Heizöl verantwortlich gemacht. Außerdem wird berichtet, dass die Installateure zwar Energie sparende Pumpen kennen, aber vor der Herausforderung kapitulieren, das etwas teurere Produkt beim Kunden über die höhere Wirtschaftlichkeit zu verkaufen. Das haben uns Leser des GEB-Infoletters dazu geschrieben.
  • In einem bewertet der Artikel nach meiner Erfahrung die Situation falsch: Nicht Unkenntnis, sondern Absicht verhindern den Durchbruch Energie sparender Technologie. Wenn heute schon die Energie sparenden Pumpen eingebaut würden, wäre doch kein Geschäft mehr zu machen, wenn der Gesetzgeber endlich entsprechende Forderungen stellt. Was soll einen Heizungsbauer reizen, ohne Zwang Überzeugungsarbeit zu leisten und Verantwortung für ein neues Produkt zu übernehmen, wenn der Kunde nichts darüber weiß, er eine anderweitige Fachberatung des Kunden nicht fürchten muss und er außerdem sich selbst ein späteres Geschäft verbauen würde?
  • „Skandal“ ist noch sehr zurückhaltend. Wichtig erscheint mir, Fachfirmen bekannt zu machen, die vermurkste Anlagen mit einem vernünftigen Kostenaufwand nachträglich abgleichen können. Gibt es hierzu Listen, unterteilt nach Regionen? Sicherlich ist Ihnen auch der Umstand bekannt, dass mit so genannter rücklaufgeführter Regelung weitere erhebliche Einsparpotenziale verbunden sind. Auch dafür ist ein Hydraulischer Abgleich unerlässlich.
  • Wenn ich mir anschaue, was unser „Klempnermeister“ in unserem Mehrfamilienhaus so fabriziert hat, kann ich nur sagen: traurig, traurig… Der Kessel musste umgebaut werden, da der Schornsteinfeger ihn nicht abgenommen hat, Heizkörper saßen lose und schief... Da rückt ein hydraulischer Abgleich in ganz weite Ferne.
  • Ihr Artikel bestätigt mir die oft großspurig mit dem Etikett „der Handwerker kann und weiß alles“ vorgetragene Inkompetenz vieler Heizungsbauer und deren nahezu ausschließliches Interesse am reibungslosen Verkauf. Mit steigenden technischen Anforderungen im HLS-Gewerbe ist nur bei Wenigen die fachliche Qualifikation und Sachkompetenz mitgewachsen.
  • Tatsächlich, die im Artikel geschilderte Praxis ist auch nach unserer Erfahrung so. Unser Weg ist seit vielen Jahren in unseren energieoptimierten Gebäuden ein völlig anderer. Der Einsatz von Energiesparpumpen und der Hydraulische Abgleich sind für uns eine Selbstverständlichkeit. Bereits im Jahr 2000 habe ich für ein energetisches Konzept zur Sanierung einer Bestandswohnanlage den Energie- und Umweltpreis des Wuppertal-Instituts zusammen mit dem Erfinder einer Energie sparenden Umwälzpumpe erhalten. Die Ideen sind also schon lange vorhanden. Hauptsächlich die schlimme „Geiz-ist-geil-Mentalität“, die verantwortungslos nur kurzfristigen Profit im Auge hat, verhindert einen Durchbruch.
  • Leider entspricht die Darstellung in dem Bericht auch meinen Erfahrungen. Wenn wir als Planungsbüro oder Energieberater die ausführenden Firmen auffordern, diesen Mangel (nicht hydraulisch abgeglichenes System) zu beseitigen, wird diese Forderung als unangemessen großer und unwirksamer Aufwand bezeichnet und abgelehnt. Ich halte deshalb eine Aufklärungsarbeit durch die Handwerkskammern für unerlässlich.
  • Oft wissen aber auch Architekten über die Erfordernis eines Hydraulischen Abgleichs nichts. Bei energetischen Modernisierungsmaßnahmen an der Gebäudehülle wird nur sehr selten auf die erforderliche Heizungsanpassung geachtet. In diesen Gebäuden ist aber, auch wenn keine Heizungsarbeiten durchgeführt wurden, der Hydraulische Abgleich zur optimalen Betriebsweise erforderlich.
  • Das Thema Energieeffizienz von Heizungsanlagen und der Hydraulische Abgleich liegen schon im allgemeinen Interesse, nur bestehen auf diesem Gebiet auch bei uns Beratenden noch viele Wissenslücken. Als Gebäudeenergieberater müssen wir uns auch verstärkt mit der Anlagentechnik auseinandersetzen, da auf diesem Gebiet Einsparungen mit geringen Investitionen möglich sind.
  • Als Bezirks-Schornsteinfegermeister stelle ich bei der täglichen Arbeit fest, dass schon einfache Einstellungen, wie die Anpassung der Heizkurve an das Gebäude, vernachlässigt werden.
  • Ein Hydraulischer Abgleich ist für viele Installateure nicht selbstverständlich und wird nur gemacht, wenn er besonders beauftragt wird. Viele Hausbesitzer wissen gar nicht, dass es Pumpen gibt, die nur noch ein Drittel oder weniger Energie benötigen. Aber auch viele Planer machen sich darüber immer noch zu wenig Gedanken. Hinzu kommt, dass Energiesparpumpen teurer sind und der Planer für den Wirtschaftlichkeitsvergleich einen höheren Aufwand hat.
  • Die Energiepreise sind wohl noch nicht hoch genug, damit die Menschen anfangen, logisch zu denken. Nach meiner Erfahrung sind die meisten Bauherren - trotz Aufklärung über den Sachverhalt einer sich über den Strom-Minderverbrauch selbst bezahlenden Heizungspumpe - nicht bereit, eine solche auch einbauen zu lassen. Schließlich geht man ja auch zu Aldi, um das Billigste zu erwerben, auch wenn das qualitativ Schlechtere auf lange Sicht unrentabel ist. Offenbar fällt es den meisten schwer, über längere Zeiträume zu planen.
  • Die in dem Artikel genannten „nur einige Stunden Arbeit“ für einen Hydraulischen Abgleich bekommt der Handwerker von niemandem bezahlt. Ein Mitbewerber kann erheblich billiger anbieten, wenn er derlei „Kunstgriffe“ einfach weglässt. Sollte ein Heizkörper einmal nicht warm werden, wird halt schnell die Pumpenleistung erhöht. Das hat nichts zu tun mit Unkenntnis, sondern mit dem blanken Preiskampf im Handwerk. Ich kenne Architekten, die ihre Kunden anhalten, ruhig die anbietenden Handwerksbetriebe mit ihren Angeboten gegeneinander auszuspielen, um dann den billigsten zu nehmen. Der muss dann zwangsläufig, um überhaupt wirtschaftlich überleben zu können, eine Heizungsanlage notdürftig „zusammennageln“, Hauptsache warm - und hoffentlich übersteht sie die Gewährleistungszeit…
  • Mein gefühltes Empfinden: Nach der Ära Schwerkraftheizung haben die Handwerker das erworbene Wissen um das „unheimliche Wesen“ Hydraulischer Abgleich vergessen. Als ich in die Branche eingestiegen bin – damals war die Schwerkraftheizung noch Stand der Technik – hatten Planungs- und Ausführungsmängel, hinsichtlich des sauberen Hydraulischen Abgleichs enorme Folgen. Heute kann das leicht durch überdimensionierte Pumpen „kompensiert“ werden. Ist ja auch einfach, Hauptsache die „Stube ist warm“.
  • Ein Fachplaner /Energieberater, der seinen Beruf ernsthaft ausübt, muss und wird den Finger in eine offensichtliche Wunde legen, das gilt insbesondere nach meinem „Berufsverständnis“ als Energieberater auch und gerade für Handwerksunternehmen. Hier gibt es die Chance, sich von Verkäufern positiv zu unterscheiden.

Anmerkung der Redaktion: Man sollte vermuten, dass die seit mindestens 15 Jahren bekannten Defizite beim Hydraulischen Abgleich und die kürzlich mit dem OPTIMUS-Projekt nachgewiesenen Einsparpotenziale (Kurzbericht) durch Hydraulischen Abgleich hektische Aktivitäten bei den SHK-Handwerksorganisationen auslösen. Immerhin ginge es um Schadensbegrenzung für die werten Kunden und Aufträge für die Mitglieder. Trotzdem hält man sich bedeckt. Bisher bekennen sich nur wenige regionale Handwerksorganisationen zur Heizungsoptimierung. Druck machen aber schon die ersten Wohnungsbaugesellschaften auf ihre Partner im Handwerk. Wer sich bezüglich der Heizungsoptimierung nicht fortbildet, bekommt keine Aufträge mehr. Auf der anderen Seite ist der Hauptgrund für das Schweigen der Branche nur theoretisch real: Bisher haben die Wohnungsbaugesellschaften keine nachträgliche kostenlose Mangelbeseitigung von den Handwerksbetrieben gefordert. Schließlich hat man selbst jahrelang weggeschaut. Damit haben die ersten jetzt abgeschlossen. Allein die steigenden Energiekosten werden dafür sorgen, dass viele andere folgen. GLR

Literatur
Jagnow, Kati; Halper, Christian; Timm, Tobias; Sobirey, Marco: Hydraulischer Abgleich im Neu- und Altbau – Teil 1: Wenn der Heizkörper rauscht. Teil 2: Einstellungssache. Stuttgart Gentner Verlag, GEB Heft 12-2005 und 01-2006

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